Seit Fina mit vierzehn Jahren aus der Schule gekommen war, besuchte Frau Trina ihre alten Eltern tagtäglich. Der Feldwebel hatte nichts dagegen; wenn er auch selber nicht in den ›Bunten Vogel‹ ging, seine Frau hatte die Verpflichtung – ›ehre Vater und Mutter!‹ Freilich, daß sie stets den Umweg über die Maxpfarre oder die Lambertuskirche machte, auch bei so und so viel Bekannten in der Altestadt vorsprach, das wußte er nicht.
Auch die Kinder besuchten die Großeltern. Seitdem Josefine von den Ursulinerinnen fort, und seitdem gar der Wilhelm in der Lehre war, sah Rinke keinen Grund mehr, den Alten die Enkelkinder zu entziehen. Er war der Stärkere – was sollte er den schwachen Greisen zuwider sein? Hoffte er, sich doch auch dermaleinst an Josefines Kindern zu erlaben.
Der Feldwebel betrachtete seine Tochter oft mit demselben Blick, mit dem er die Neueingezogenen musterte. Er hatte ja auch über sie Bericht zu erstatten; wenn auch nicht bei dem Herrn Hauptmann, so doch bei dem Herrgott da oben. Gesund, wohlgemut und ehrlich, so stand die Siebzehnjährige vor des Vaters Augen. Das Herz pochte ihm vor Freuden, wenn er sie schaffen sah mit starken Armen. Oft schlich er heimlich hinter die Küchenthür und belauschte sie am Waschfaß. Hochgeschürzt stand sie, ihre Kleidertaille hatte sie ausgezogen und wusch in Hemdärmeln. Unermüdlich tauchten ihre runden Arme in die Lauge, die Seifenflocken spritzten ihr bis auf’s blonde Haar; und immer sang sie mit schallender Stimme, so voll, so lustig – kein Wunder, daß die ganze Kompagnie in sie verschossen war.
Wenn er nur erst den rechten Mann für sie wüßte! Mit scharfem Blick ließ der Feldwebel alle Revue passieren; da war nur einer, der ihm gut genug dünkte, der Conradi. Der stammte auch aus Preußen, wenn auch nicht aus der Mark; bei Königsberg war er zu Hause, ein Bauernsohn, dessen älterer Bruder den Hof geerbt, ihm aber ein hübsches Sümmchen ausgezahlt hatte. Und sparsam war der und nüchtern. Für sich selbst hatte der Feldwebel nie des Geldes geachtet, aber nun er an der Zukunft seiner Tochter baute, war ihm das doch ein angenehmer Gedanke. Zwölf Jahre diente der Conradi nun schon als Unteroffizier, ein wackerer Kerl, der sich nie etwas hatte zu schulden kommen lassen. Und groß war er, noch einen starken Kopf größer, wie die Josefine, und breit in den Hüften – das gab was für’s erste Garderegiment zu Fuß! Freilich, abgehen wollte jetzt der Conradi, schon bereitete er sich zum Gendarmerie-Examen vor; sechs Monate Urlaub wurden ihm demnächst bewilligt zur Probedienstleistung. Aber war die Gendarmerie denn nicht dem Militär nahe verwandt? So wollte sich Rinke nicht daran stoßen.
Daß er selber einmal abgehen könne, war ihm bisher nie in den Sinn gekommen; vor kurzem hatte ihn erst sein Hauptmann darauf gebracht.
»Ich begreife nicht, Rinke,« hatte der vertraulich gesagt, als sie zusammen auf dem Kasernenhof hin und her pendelten, »warum Sie sich noch im Kommiß schinden? Sie dienen doch wohl schon an die zwanzig Jahr’?«
»Zu Befehl, Herr Hauptmann, fast vierundzwanzig!«
»Um Gottes willen!«
Der Feldwebel hatte sich bei diesem Ausruf seines Hauptmanns auf die Lippen gebissen – warum echauffierte sich der Hauptmann denn so? Vierundzwanzig – war das etwa zu lang? War er nun schon abständig, knackschälig, konnte er seiner Pflicht nicht mehr genügen?! Mit unsicherem Blick hatte er nach der vergoldeten, mit dem Namenszug des Königs verzierten Schnalle auf seiner Brust gesehn, die hatte er doch bekommen als Dienstauszeichnung.
Als erriete der Hauptmann seine Gedanken, sagte er: »Es sei ferne von mir, Ihre Dienste unterschätzen zu wollen, Rinke! Mir persönlich würde es höchst fatal sein, mich an einen andern Feldwebel gewöhnen zu müssen; aber ich meine, wenn man so lange im gleichen Trott gestrampelt hat wie Sie, möchte man auch einmal seinen eignen Gang gehen. Eine gute Civilversorgung ist Ihnen doch sicher: ein Plätzchen bei der Steuer, ein Zollaufseherposten oder dergleichen!«