Dem Feldwebel war’s trocken im Munde geworden, stumm hatte er den Kopf gesenkt.
»Also nicht Ihr Fall? Na, dann melden Sie sich doch mal bei der Lazarettverwaltung – Lazarettinspektor, gar nicht übel!«
Ja, das wäre schon eher etwas, da hörte man doch noch den rauhen Fall der Kommandos heraufschallen, das Klirren der Waffen, das Stampfen der Mannschaft – altgewohnte Klänge, einem in Fleisch und Blut übergegangen. Eine begehrte Versorgung und doch –! Der Feldwebel verstand sich selber nicht: da hatte er sich oft herausgesehnt aus dem täglichen Einerlei des Dienstes, er hatte gelechzt nach einem Sturmwind, der alle Riegel aufstößt, und jetzt, wo sich ihm vielleicht eine Thür aufthun wollte, konnte er nicht herausfinden. So nicht, so nicht! Wenn er heraustrat aus den Mauern der Kaserne, aus des Dienstes ewigem Einerlei, so mußte es zu einem andern Dienst sein, einem noch höheren, heiligeren: dem auf dem Feld der Ehre. Mochte ihm seine Frau nun auch in den Ohren liegen: ›dank doch ab, mach, dat du ’rauskömmst, meine Eltern sind alt, wir könnten dat Jeschäft übernehmen‹ – er hörte gar nicht, was sie schwatzte. Er wollte Soldat bleiben.
Und trotz dieses Entschlusses lag er oft Nächte lang und zergrübelte sich; einen Argwohn hatte die Frage des Hauptmanns in ihm erweckt, den Argwohn, nicht mehr zu genügen. Wenn er einmal mit seinem alten Hauptmann, dem Herrn Major von Clermont, darüber spräche?! Der war kein so Neugebackener, hatte, gleich ihm, lange gedient, der würde wissen, wie man’s halten soll: ob gehen, ob bleiben.
Rinke zog sich die zweite Garnitur an, zwängte die frischgewaschenen Wildlederhandschuhe über die Finger, stülpte den Helm erster Garnitur auf und wanderte nach der Bilkerstraße; der Major wohnte noch im selben Haus. Schon unten sagte der Bursche, der Herr Major seien unpäßlich. Er wurde aber doch vorgelassen.
Herr von Clermont saß in einem Lehnstuhl beim Ofen; das verfluchte Reißen hatte er sich, wie er stöhnend sagte, vom letzten Manöver aus den nassen Wiesen an der holländischen Grenze mitgebracht. Uff, er konnte auf kein Pferd! Das hatte man nun davon! Er war überhaupt auf den ganzen Krempel nicht gut zu sprechen. Als ihm der Feldwebel seine Zweifel wegen Abschiednehmens vortrug, nickte er zustimmend: »Ja, man avanciert nicht, es ist zum Rabiatwerden! Man ist eingerostet. Schlechte Zeiten für uns, schlechte Zeiten für alle!«
Rinke sah den Vorgesetzten mit großen Augen an: ein preußischer Major und unzufrieden?! Ganz verdutzt stand er. Ein neuer Geist, ein Geist, den er nicht verstand, wehte durch die Stube des Herrn Major.
Da öffnete sich die Thür, eine junge Dame in weißem Kleid, mit einem rosenfarbenen Band um die langen, dunklen Locken kam herein. »Papa,« sagte sie, nahm seine Hand und küßte sie, »wie geht es dir heut?«
Er strich ihr über die Locken: »Gleich, Cäcilie, gleich! Habe nur mit dem Rinke noch ein paar Worte zu reden.«
Die junge Dame sah flüchtig nach Rinke hin. »Rinke?« fragte sie lächelnd. »Feldwebel Rinke?«