Gegen das Handwerk an sich hatte Frau Trina nichts einzuwenden, wohl aber, daß es gerade ein Militärschneider war, zu dem Rinke den Jungen in die Lehre gebracht. Wenn’s noch ein richtiger däftiger Bürgersleutschneider wäre!

Sonst ließ sich der Wilhelm ganz gut in der Lehre an; besonders hatte er es verstanden, sich der Meisterin angenehm zu machen. Er war eben kein solches Rauhbein, wie die meisten Düsseldorfer Rabauen; die sanfte Hand der Großmutter merkte man ihm noch immer an. Und daß er ein wenig versteckt war – versteckt konnte man eigentlich nicht sagen, ein bißchen ›für sich‹ – dafür machte Frau Trina ihren Mann verantwortlich, der hatte den Jungen eingeschüchtert.

Der junge Mensch zeigte nach wie vor eine große Abneigung gegen die Kaserne, darum ging die Feldwebelin öfters zu ihm hin – eine gesprächige Freundschaft verband sie mit seiner Meisterin – oder sie führte ihn auch Feierabends spazieren und kehrte mit ihm im ›Bunten Vogel‹ ein.

Aber alle Sonntag nachmittag mußte der Sohn in der Kaserne antreten – unwiderruflich – der Vater verlangte es.

Auch heute erwarteten sie ihn. Der Feldwebel hatte schon zum zweitenmal seine Zeitung von A bis Z durchstudiert, nun horchte er auf das Schlagen der Uhr. Konnte der Bursche denn nie pünktlich sein? Auf seiner Stirn zog sich die Falte zusammen.

Josefine schlüpfte aus dem Zimmer in die Küche, um von dort auf den Hof zu spähen. Sie kannte dies Gesicht des Vaters. Wo blieb der Wilhelm denn nur? Statt pünktlich zu kommen, war er eine Stunde später noch nicht da! Wie dumm! Nun war der Vater gleich von vornherein schlechter Stimmung.

Die Mutter lag noch in der Schlafkammer auf dem Bett mit gelöstem Mieder und aufgeknüpften Rockbändern in friedlichem, lang andauerndem Mittagsschlaf, ohne Ahnung, daß sich ein Ungewitter zusammenzog.

Endlich knarrte die Stiege. Gott sei Dank! Wie der Wind flog Josefine an die Treppe und zog den Bruder erst noch einen Augenblick in die Küche. Hier sah sie ihm besorgt in das blasse Gesicht: »Is dich jett?«

Ihre Nasenflügel hoben sich, sie beschnupperte seinen Rock: »Willem, wie riechste dann? Du has ja jeraucht!«

Rasch zog sie ihm den Rock herunter und schlenkerte ihn vom Küchenfenster aus in die scharfkalte Luft. »Dat der Vater et nur nit zu riechen kriegt, du – Jeses – Willem, wat siehste schlecht aus?!«