»Na,« sagte der Vater, als sie in die Stube traten, und richtete seinen scharfen Blick auf sie. Einen bösen Blick, so erschien es wenigstens Wilhelm; er suchte sich hinter der Schwester zu verbergen.
»Du kommst spät! Warum?« Es klang wie ein Verhör.
»Er war erst noch in der Ratingerstraß’,« beeilte sich Josefine zu sagen. »Bei den Jroßeltern kömmt mer immer eso rasch nit fort!«
»So – hm!« brummte der Feldwebel. »Na,« – er streckte Wilhelm die Hand hin – »na, dann setz dich, Junge!«
Scheu ergriff der Sohn die Hand des Vaters; seine schlanken Finger verschwanden ganz in der sehnigen Faust. Das war ein eiserner Griff! Wilhelm unterdrückte ein Zusammenzucken.
»Pimpliger, pampliger Schlingel!« Mit einem halb gutmütigen, halb ärgerlichen Lachen gab der Feldwebel die schmächtige Hand frei. Würde der Junge denn nie Mark kriegen? Den nähmen sie nicht beim Militär! Es gab ihm einen Stich: ein Sohn von ihm nicht wenigstens seine paar Jahre dienen?! Verstimmt setzte er sich nieder, nahm wieder die Zeitung vor und sagte kein Wort mehr.
Auch Wilhelm wagte nicht zu sprechen; schlapp vornüber gebeugt, hing er auf einer Ecke seines Stuhls, mit trüben Augen in’s Licht blinzelnd. Josefine hatte die Talgkerze auf dem Messingleuchter angezündet; in dem fahlen Flackerlicht sah das Knabengesicht noch fahler aus, die Schatten unter den Augen erschienen noch tiefer. Wilhelm kämpfte mit dem Übelsein; aber als ihm die Schwester jetzt einen Kaffee und eine Kommißbrotschnitte, zur Feier des Sonntags mit Apfelkraut bestrichen, vorsetzte, wagte er nicht, dies auszuschlagen. Zögernd nahm er Schluck für Schluck. Der Kaffee würgte ihn förmlich im Halse, verzweifelt stierte er auf das Brot – wie sollte er das herunterkriegen? Schon der Gedanke an essen trieb ihm den Schweiß auf die Stirn; schwindlig wurde ihm auch, und gähnen mußte er, gähnen, als wäre er drei Nächte in kein Bett gekommen. Josefine blinkerte ihm warnend zu – ja, er wußte es auch, der Vater konnte das Gähnen für den Tod nicht ausstehen, aber was sollte er machen?! So sehr er auch die Lippen aufeinanderpreßte und die Luft durch die Nase zog, es zwang ihm gewaltsam den Mund auf, er mußte gähnen, gähnen aus den Tiefen seiner Seele.
Ein verwunderter Blick des Vaters traf ihn. »Hast wohl die ganze Nacht gewacht? Gearbeitet, he?«
Etwas undeutlich Gestottertes war die Antwort; eine glühende Röte stieg dem Jungen dabei in die bleichen Wangen.
Argwöhnisch betrachtete der Feldwebel ihn – was, trieb sich der Bengel etwa gar herum?! Haltung und Gesichtsfarbe gefielen ihm gar nicht. Immer finsterer wurde die Falte auf des Vaters Stirn. Er that, als ob er lese, stützte den Kopf in die Hand, aber von unten herauf betrachtete er unausgesetzt den Sohn. Dieser merkte das, und, unter’m Tisch die Hände zusammenpressend, mühte er sich gewaltsam, das krampfhafte Gähnen zu unterdrücken und sich ein möglichst harmloses Aussehen zu geben. Er versuchte sogar ein leises Pfeifen; der Vater untersagte ihm das sofort.