»Bataillon – halt!«

So gut war er noch nie bei Stimme gewesen, das fühlte Conradi; weit hallte sein Ruf über den Platz, die Leute drehten sich wie die Puppen. Wenn sie doch nur auch Augen für ihn gehabt hätte! Aber nein – mit Betrübnis war er es schon oft inne geworden – einen jeden sah sie an, nur ihn nicht. Wenn sie über den Kasernenhof schwänzelte, ihr Körbchen am Arm, und die Leutnants das Augenglas einklemmten, lachte sie über das ganze Gesicht; er hätte vor Eifersucht platzen mögen. Und doch konnte man ihr nicht das geringste nachsagen. Mit einer gewissen Rührung dachte Conradi daran, wie fleißig sie arbeitete, morgens, mittags, abends, immer. Aus der Mannschaftsstube im Seitenflügel konnte er ihr Küchenfenster beobachten: sie wusch und kehrte und scheuerte und schälte Kartoffeln und rührte in den Töpfen. Und immer sang sie. Was sie für weiße, runde Arme hatte!

Er blinzelte hinauf und gab das Kommando mit schmetternder Stimme.

Aber Josefine beachtete ihn gar nicht, sie war ganz bei der Arbeit, und was ihr von Gedanken übrig blieb, war auf etwas andres gerichtet: heute feierte Cäcilie von Clermont ihre Hochzeit. Um sechs Uhr war die Trauung in der Kirche auf der Bolkerstraße. Wenn die Mutter bald nach Hause kam, konnte es noch geraten, daß sie hinlief und guckte – rasch, rasch, daß sie fertig wurde! Im ›Breidenbacher Hof‹ sollte das Hochzeitsmahl sein, im Blättchen hatte alles gestanden, haarklein. Man nannte das Fräulein von Clermont nicht umsonst die größte Schönheit der Stadt; nicht umsonst hatten die Maler sie auf so und so viel Bildern verewigt, nicht umsonst war die Frau Majorin mit der Tochter in der Mittagstunde die Alleestraße und am Nachmittag die Königsallee auf und ab promeniert – das allgemeine Interesse war rege.

Auf einem Bazar ›zum Besten der Notleidenden in Irland‹ hatte Fräulein von Clermont den reichen Freier kennen gelernt, den Sohn des großen Fabrikanten aus dem Wupperthal, den Herrn vom Werth, der von seinen Renten lebte, Weinberge an der Mosel und ein Schloß am Rhein besaß. Der junge Herr vom Werth war nach Düsseldorf gekommen, um die Bälle der Gesellschaft mitzumachen; er kutschierte selbst ein feines Gespann – Groom hintenauf – und gab kleine, feine Herrendiners. Er baute sich ein schönes Haus am Hofgarten.

Auf dem Bazar hatte er der reizenden Cilli alle Sträußchen, die sie feilbot, abgekauft; sie hatte die größte Einnahme des Tages erzielt. Und auf dem Wohlthätigkeitsfest, daß die Künstler gegeben, hatte er sich ihr erklärt. Kein Wunder! War doch die Tochter des Majors in dem lebenden Bild, das ›Die beiden Leonoren‹ des berühmten Karl Sohn verkörperte, die schönste Prinzessin von Este gewesen, die je eine Künstlerphantasie in verzückten Träumen geschaut.

Ach ja, diese Malerfeste! Josefine dachte mit einem leisen Seufzer daran. Sie hatte auch diesmal die spalten- und spaltenlangen Berichte über die lebenden Bilder im Täglichen Anzeiger gelesen – aber beinahe wäre sie diesmal selber einmal dazu gekommen! Als sie eines Tages auf dem Weg zu den Großeltern die kleine Schleife über den Burgplatz nicht scheute, um ein Blickchen auf die Hauptwache zu werfen, waren ihr von der Akademie her drei entgegengeschlendert, lustig, laut, Arm in Arm, Maler natürlich. Zwei blutjung; aber forsch alle drei. Sie hatten sie scharf angesehen, dann angelacht und dann angeredet. Ob sie Lust hätte, ›mitzuthun‹?

»Wat meinste, Andreas, wär’ dat nit jett für den Jordan? So en Heljoländer Fischerweib,« rief der eine von den jungen.

»Ne, Oswald,« – der ältere schüttelte den Kopf – »wat denkste! Dat hat ja jar nit dat Salzige für die Nordsee – viel zu lecker!« Und damit hatte er ihr die Wangen gestrichen. »Aber vielleicht en jut Seitenstück für dat schöne Cillchen. Wat meinst du dazu, Ludwig?«

»Um Gotteswillen,« hatte da der allerjüngste gerufen, »bleibt mir mit den großen Posen vom Leib – brrr – Genre, Genre!«