Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.
Die Luft ist kühl und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein –‹
Das hatte sie mit nach Haus gebracht. Ach, wenn sie’s doch nur noch weiter könnte! Der Mutter hatte sie es vorgesungen, und die lernte es auch rasch, eben weil’s ihr gefiel; und die Brüder lernten es auch, sie sangen es um die Wette. Und die Soldaten unten auf dem Hof summten nach, was die Feldwebelstochter oben schmetterte.
Josefine seufzte und lehnte den Kopf an’s Fensterkreuz – ach ja, drei Wochen stand der Leutnant von Clermont nun schon bei des Vaters Kompagnie! Mitte August war er hergekommen. Der Vater hatte eine rechte Freude darüber gehabt und war beflissen gewesen, dem Sohn seines alten Hauptmanns zur Hand zu gehen. Bald im Anfang war’s, da hatte er in die Küche gerufen: »Josefine, koch’ Kaffee, ’nen guten, der Leutnant is ganz alle von der Felddienstübung!«
Der Bursche, der den Kaffee für seinen Herrn hatte holen sollen, kam und kam nicht, so war sie rasch selber gegangen und hatte die Tasse gebracht – nur das Endchen dunklen Gang, vorbei an den Kleiderkammern, ein paar verstaubte Stufen hinunter, ein paar hinauf, wieder ein Gang, und dann gleich die erste Thür war die der Offiziersstube!
Genäht hatte sie ihm auch schon was. Er trug unter seiner Uniform schöne, feinleinene, gesteifte Wäsche, da bügelte ihm die Wäscherin immer die Knöpfchen ab oder zerriß die Bändel. Er hatte ja niemand, der für ihn sorgte, seine Eltern wohnten nicht mehr in der Stadt, und auch die vom Werths waren auf ihrem Schloß am Siebengebirge, und – du lieber Gott, da war ja auch weiter gar nix bei, sie hatten doch schon als Kinder miteinander gespielt!
Das war aber doch merkwürdig, daß er sie sogleich wiedererkannt hatte! Auf dem Kasernenhof hatte er sie nicht angesprochen, nur gegrüßt, aber gleich den ersten Tag, oben auf dem Gang, hatte er ihr die Hand geschüttelt und eine ganze Weile bei ihr gestanden.
Sie hatte gewagt, ihm zu sagen, daß sie ihn im Frühjahr bei der Hochzeit seiner Schwester gesehen, vor der Kirche, und abends am ›Breidenbacher Hof‹.