Langsam wich sie zurück – seine Hände hoben sich, wollte er sie schlagen?!

»Bengel!« Des Vaters Faust packte ihn im Genick. »Was unterstehst du dich? Die Hand gegen deine Mutter zu heben?! Du – du!« Der empörte Mann rüttelte den Knaben, dem die Zähne zusammenschlugen, und schüttelte ihn wieder und wieder. »Du – du Rüpel, du Nichtsnutz!«

»Sie hat sie mir nicht Adieu sagen lassen,« schrie der Knabe dagegen, »sie hat sie weggeschickt, weil – weil –«

»Du willst dich noch erdreisten, ein Wort zu –«

»Doch! Warum hat sie die Cilla mir nicht Adieu sagen lassen, die hat ihr gar nichts getan, die hab ich lieb gehabt, aber darum, gerade darum –«

»Schweig!« Ein heftiger Schlag traf des Knaben Lippen. Schlieben kannte sich selber nicht mehr; seine Ruhe hatte ihn verlassen, des Knaben Widersetzlichkeit jagte ihn in die Hitze. Wie der sich gegen seine haltende Hand sträubte, ihm mit dreisten Augen ins Gesicht sah! Wie der es wagte, die Stimme gegen ihn zu erheben! »Du« – er schüttelte ihn – »also so frech?! So undankbar?! Was wäre aus dir geworden – im Elend wärst du verkommen – ja – sie hat dich erst zum Menschen gemacht – dich aufgelesen aus dem –«

»Paul!« Der Schrei seiner Frau unterbrach Schlieben. Wie eine Sinnlose fiel ihm Käte in den Arm: »Nein, nein, laß ihn! Du sollst nicht, – nein!« Sie hielt ihm den Mund zu. Und als er sie im Ärger von sich schob und den Knaben wieder fester packte, entriß sie diesen ihm und drückte wie schützend seinen Kopf in ihr Kleid. Sie hielt seine Ohren zu. Und angstvoll, die überweit geöffneten Augen im tief erbleichten Gesicht nach ihrem Manne kehrend, flehte sie: »Kein Wort! Ich bitte, ich bitte dich!«

Sein Zorn war noch nicht verraucht. Wahrhaftig, Käte mußte nicht ganz bei sich sein! Was entzog sie denn den Knaben der wohlverdienten Züchtigung?! Mit hartem: »Aber Käte – kein Pardon!« ging er von neuem auf den Knaben zu.

Da flüchtete sie diesen zur Tür hinaus, riegelte ab und stellte sich vor die Tür, wie um den Ausgang zu versperren.

Nun war Wolfgang fort. Nun waren sie beide allein, sie und ihr Mann, und mit dem vorwurfsvollen Ruf: »Du hättest es ihm beinah verraten,« wankte sie nach dem Sofa. Sie fiel mehr hin, als daß sie sich setzte, und brach in fassungsloses Weinen aus.