Mit großen Schritten ging Schlieben im Zimmer auf und ab. In der Tat, da hätte er sich von seiner Empörung beinahe hinreißen lassen! Aber wäre es denn ein Unglück gewesen, wenn er dem Jungen ein Licht aufgesteckt hätte?! Mochte der nur wissen, woher er stammte, und daß er nichts, eigentlich gar nichts hier zu suchen hatte! Daß er alles aus Gnade empfing! Es war durchaus nicht nötig, eher nachteilig als wünschenswert, ihm das zu verheimlichen. Aber wenn sie es denn durchaus nicht haben wollte!
Er unterbrach sein Hin- und Hergehen, blieb vor der in der Sofaecke Weinenden stehen und sah auf sie nieder. Sie tat ihm so unendlich leid. Das hatte sie nun für all ihre Güte, ihre Selbstlosigkeit, für all ihre Aufopferung! Sachte legte er ihr, ohne Wort, die Hand auf den tiefgesenkten Scheitel.
Da richtete sie sich jäh auf und haschte nach seiner Hand: »Und tu ihm nichts, ich bitte dich! Schlage ihn nicht! Ich bin schuld – er hat’s erraten. Ich konnte sie nicht leiden, ich habe ihr gekündigt, und dann habe ich sie heimlich fortgeschickt – nur, weil er sie lieb hatte, gerade darum! Ich fürchtete sie. Paul, Paul« – sie rang reuevoll die Hände – »o, Paul, ich schäme mich vor dem Kinde, ich schäme mich vor mir selber!« – –
Wolfgang hockte oben in seiner Stube und hielt die Heiligenbildchen in der Hand. Die waren nun sein köstlichster, sein einziger Besitz; ein teures Andenken. Wo sie jetzt wohl sein mochte? Noch hier im Grunewald? Schon in Berlin? Oder noch viel weiter? Ach, wie er sich nach ihr sehnte! Ihr freundliches, ihm heimlich-zulächelndes Gesicht fehlte ihm, und dies Vermissen steigerte sich bis zur Unerträglichkeit. Hier war ja keiner, der ihn so lieb hatte, wie sie ihn lieb gehabt – den er so lieb hatte, wie er sie lieb gehabt hatte!
Nun Cilla fort war, vergaß er, daß er sie doch auch oft ausgelacht und gehänselt, sich auch jungenhaft mit ihr gezankt hatte. Nun wuchs seine Sehnsucht ins Unbegrenzte, und ihre Gestalt wuchs mit. Wurde so groß und stark, so übermächtig, daß sie ihm den Blick benahm auf alles andre, was noch um ihn war. Er warf sich auf den Teppich und krallte die Hände hinein; so mußte er sich halten, sonst hätte er alles um sich zerschlagen, alles, kurz und klein.
Das war der Tritt des Vaters auf der Treppe! Es rüttelte an seiner Tür. Mochte er rütteln! Wolfgang hatte sich eingeschlossen.
»Mache sofort auf!«
Aha, nun gab’s Prügel! Hastig wischte sich Wolfgang die Tränen ab, biß die Zähne zusammen und kniff die Lippen aufeinander.
»Nun, wird’s bald?!« Immer stärker wurde das Rütteln.
Da ging er und schloß auf. Der Vater trat ein; nicht mit dem Stock, den der Knabe in seiner Hand vermutet hatte, aber mit Zorn und Kummer auf der Stirn.