»Komm sofort herunter! Du hast deine arme, gute – nur zu gute Mutter tief gekränkt. Komm jetzt zu ihr und bitte ab. Zeige ihr, daß dir’s leid tut – hörst du?! Komm!«

Der Knabe rührte sich nicht. Mit einem namenlos unglücklichen, zugleich aber auch verbissenen Ausdruck starrte er, am Vater vorbei, ins Leere.

»Du sollst kommen – hörst du nicht? Deine Mutter wartet!«

»Ich komm nicht!« Wolfgang murmelte es; kaum daß er die Zähne voneinander brachte.

»Was –?!« Sprachlos, ganz benommen von so viel Frechheit, starrte der Mann den Knaben an.

Dieser erwiderte seinen Blick, groß und starr. Das junge Gesicht war so blaß, daß die dunklen Augen noch dunkler erschienen; abgrundschwarz.

›Böse Augen,‹ sagte sich Schlieben. Und von einem alten, längst vergessenen, aber trotz allem und allem immer noch in der tiefsten Seele schlummernden, jetzt plötzlich lebendig gewordenen Argwohn jäh übermannt, faßte er den Knaben vorn bei der Brust und hielt ihn so mächtig, daß es keinen Widerstand mehr gab.

»Bengel! Bursche! Hast du denn gar kein Herz? Sie, die dir so viel Gutes getan hat, sie, sie wartet auf dich – und du, du willst nicht?! Auf die Kniee, sag ich! Voran – bitte ab! Sofort!« Und er faßte den keine Regung Zeigenden nun im Genick anstatt bei der Brust, und stieß ihn vor sich her, die Treppe hinunter, hinein ins Zimmer, wo Käte saß, versunken in ihren Kummer, die Augen rotgeweint.

»Hier kommt einer, der abbitten will,« sagte Schlieben und stieß ihr den Knaben vor die Füße.

Wolfgang hatte schreien wollen: ›nein, ich bitte nicht ab, nun erst recht nicht!‹ – da tat sie ihm auf einmal so leid. Ach, die war ja ebenso unglücklich wie er – sie paßten nun einmal nicht zueinander! Das war wie eine plötzliche Erkenntnis, die seinen Blick vertiefte, sein Kindergesicht so verschärfte in allen Linien, daß es alt wurde über seine Jahre.