Es war noch nicht dämmerig, als er wieder weiterging, aber doch schon begann der Spätnachmittag zu zeigen, daß es Oktober war. Der Sonnenschein, der durch die roten Kiefernäste fiel, hatte etwas unendlich Mildverklärtes, eine süße Sanftheit, die auch den wilden Durchgänger sänftigte. Er ging in einem Traum – wohin? Das wußte er nicht, daran dachte er auch nicht, er ging eben, ging. Ging einer Sehnsucht nach, die ihn unwiderstehlich zog, die wie eine ihr Nest suchende Taube vor ihm herflatterte, girrte und lockte. Und die Taubenschwingen waren stärker denn Adlerfittiche.
Wo die Sehnsucht flog, da waren keine Menschen. Da war es so friedlich-still. Nicht einmal der Fuß, der in Moos und kurzem Gras versank, machte ein Geräusch. Dünnen Kerzen gleich, die oben brannten, so standen die Kiefern in sonnigen Abendgluten. Kein herbstliches Blatt, in dem ein Wind hätte rascheln können, lag am Boden; über die glatten Nadeln und die farblosen Zäpfchen, die von den Kronen herabgesunken waren, strich die Luft hin ohne Laut.
Daß es so schön hier war! Mit einem staunenden Entzücken sah Wolfgang sich um. So schön hatte es ihn früher doch nie gedeucht! Freilich, da wo die Villen stehen und die Wege führen, da war’s auch nicht so wie hier! Sein Blick glitt bald nach rechts, bald nach links, und mit Neugier voraus in den Dämmer des Waldes. Da, wo das letzte Sonnengold nicht wie rotes Blut an den rissigen Borken klebte, da, wo das Licht nicht mehr hin traf, war ein weiches, geheimnisvolles Dunkeln, in dem die moosigen Stämme mit ihrem tiefen Grün trotzdem leuchteten. Und ein Duften war hier, so feucht-kühl, herb und frisch, daß die Brust wie befreit aufatmete und eine neue Kraft durch die Glieder rann.
Wolfgang begann jetzt, hier in der großen Ruhe die Aufregungen des Tages zu empfinden. Er faßte sich nach der heißen Stirn – ah, jetzt merkte er, daß er nicht einmal eine Mütze hatte! Aber was machte das? Er war frei, frei! Mit einem Jauchzen schoß er dahin, und dann erschrak er über die eigne laute Stimme: st, still! Nur nicht wieder eingesperrt werden, frei sein, frei!
Nun fühlte er keine Sehnsucht mehr. Eine große Wonne durchrann ihn, eine schrankenlose Seligkeit. Die Augen strahlten ihm – er riß sie weit auf – er konnte gar nicht genug die Welt bestaunen, als sehe er sie heut zum ersten Mal. Er rannte gegen die himmeltragenden Stämme und umfing sie mit beiden Armen; er drückte sein Gesicht an die harzige Rinde. War diese Rinde nicht weich, schmiegte sie sich nicht an seine glühende Wange wie eine schmeichelnde Hand?!
Er warf sich aufs Moos und reckte sich lang und rekelte sich in höchstem Behagen und sprang dann wieder auf – es litt ihn doch nicht – er mußte sehen, genießen, seine Freiheit genießen.
Nur ein einziger roter Streif über dem blauenden Wald verriet noch, wo die Sonne gestanden hatte, als er sich erst bewußt wurde, wo er eigentlich war. Hier führte die ehemalige Heerstraße von Spandau nach Potsdam; rostbraune und gelbe Kastanien zogen eine Allee durch ödes Land. In selten mehr befahrenen Wegrinnen lag der Sand fußhoch. Aha, hier kam man also nach Potsdam oder nach Spandau, je nachdem! Jedenfalls zu Häusern und zu Menschen – o weh, hörte man da nicht schon Hahnenkrähen und ein Rattern wie von langsamen Rädern?!
Kurz entschlossen bog der Knabe links ab von der alten Fahrstraße, kroch durch einen verbogenen Stacheldrahtzaun, der ein Stück Rodung, das neu angeschont war, schützen sollte, sprang wie ein Hirsch in weiten Sätzen über die kaum handhohen Pflänzlinge dahin und suchte eine Deckung.
Er brauchte keine, hierher kam kein Mensch. Langsamer ging er zwischen den kleinen Bäumchen; er hütete sich wohl, sie zu treten, bückte sich und besah sie, schritt sie ab wie ein Ackerer seine Furchen.
Und auf einmal war es Abend. Über die Erde waren Nebel gekrochen, leicht und klein, waren dann aufgestanden und größer geworden, waren hingehuscht über die Rodung im sich erhebenden Nachtwind und hatten sich dort den einzelnen, stehengebliebenen Knorren wie der Gespenster winkende Schleier angehängt.