Aber Wolfgang fürchtete sich nicht; er empfand kein Grauen. Was konnte ihm hier geschehen, hier, wohin nur ab und zu der ferne Pfiff einer Eisenbahn tönte und der Wind ein wenig Rauch, der Lokomotive entrissen, wie ein leichtes, rasch sich lösendes Wölkchen trug?!
Als wäre man in der Prärie, in den Steppen, dachte sich der Junge, da, wo keine Hütten mehr sind, nur Lagerfeuer ihr bißchen Rauch zum Zeichen senden. In die Seligkeit seiner Freiheit mischte sich eine gewisse Abenteurerlust. Das hatte er sich immer einmal gewünscht, im Freien zu kampieren. Ein Feuer würde er freilich nicht anzünden können und daran kochen; er hatte nichts dazu. Aber Hunger empfand er auch nicht, nur jetzt das einzige Bedürfnis, recht tief und lange zu schlafen.
Ohne Bedenken streckte er sich hin; der Boden war schon kühl, aber sein Anzug war dick und ließ die Kälte nicht durch. Den Kopf ein wenig erhöht bettend, reckte er das Gesicht gegen den Nachthimmel. An dem zogen milde Sterne auf und lächelten zu ihm nieder.
Er hatte geglaubt, gleich einzuschlafen, überwältigt von Müdigkeit, aber nun lag er doch noch lange mit offenen Augen. Ein unerklärliches Empfinden hielt ihn wach: dies war zu schön, zu schön, dies war ja schon ein herrlicher Traum! Goldene Augen behüteten ihn, ein samtiger Mantel hüllte ihn ein, eine Mutter wiegte ihn weich.
Fort waren Sehnsucht, Trotz, Schmerz, Wut, alles, was weh tat. Nur ein Glück war geblieben im unendlichen Frieden.
5
Frida Lämke war nun eingesegnet, sie trug den Rock fast bis zur Erde, und als sie Wolfgang Schlieben nach langer Zeit wieder zum ersten Mal begegnete, war ihr Gruß nicht mehr das vertraulich-bekannte Nicken der Kindheit. Aber sie blieb bei dem früheren Spielgefährten stehen.
»Na, Wolfgang,« sagte sie lachend und zugleich ein bißchen von oben herab – sie kam sich so unendlich überlegen vor –, »na, was machste denn?«
»Gut!« Er setzte eine unternehmende Miene auf, die nicht ganz zu dem Blick seiner Augen paßte.