Sie musterte ihn: war der Wolfgang ein Kerl geworden! Aber er hielt sich so schlecht, so vornüber! »Halt dir doch jrade,« ermahnte sie und reckte ihre eigne binsengleiche Schlankheit. »Warum machste denn so ’n Buckel?! Und mit den Augen blinkerste, als wärste kurzsichtig. Na, warte man, du solltest mal bei meine Prinzipalin kommen – au weih, die würde dir schön zurechtstutzen!« Sie kicherte in sich hinein, ihre ganze schmale Figur schüttelte sich vor heimlicher Lachlust.
»Du bist so vergnügt,« sagte er langsam.
»Na, warum denn nich? Meinste, so’n oller Drache kann mir die Laune verderben? Na, so dumm! Wenn sie schimpft, duck ich mir, ich sage kein Wort, aber innerlich amüsiere ich mir! Haha!« Ihre helle Stimme klang unendlich heiter.
Wie hübsch sie war! Des Knaben dunkle Augen hefteten sich auf Frida Lämke, als hätte er sie noch nie gesehn. Auf ihrem blonden Haar, das sie nicht mehr in einem langen Zopf trug, sondern im Nacken in einem dicken Knoten, schimmerte die Sonne. Ihr Gesicht war so rund, so blühend!
»Du kommst nie mehr zu mir,« sagte er.
»Wie kann ich denn?!« Die Achsel zuckend, tat sie wichtig. »Was meinste wohl, was ich zu tun habe! Morgens schon vor achte ’rein mit die Stadtbahn, un denn nur zwei Stunden Tischzeit – immer ’rein, ’raus – un abends bin ich meist nie vor zehne zu Hause, oft auch noch später. Dann bin ich so müde, dann schlafe ich wie ’ne Ratze. Aber Sonntags, dann läßt mir die Mutter mal ausschlafen, und nachmittags jehe ich mit Arturn und Flebbe los, wir –«
»Wo geht ihr hin?« fragte er hastig. »Ich kann ja auch mal mitgehn!«
»Och du!« Sie lachte ihn aus. »Du darfst ja nich!«
»Nein!« Tief senkte er den Kopf.
»Na, sei man nich traurig,« ermunterte sie und fuhr ihm mit dem Zeigefinger, an dem der schäbige Glacéhandschuh an der Spitze aufgesprungen war, ums Kinn. »Dafor biste ja auch Schüler vons Gymnasium. Artur kommt nächsten Herbst auch in de Lehre. Mutter denkt, bei’n Friseur. Un Flebbe, der lernt ja schon Matrealist – sein Vater hat’s ja dazu – wer weiß, der kriegt an’n Ende noch mal ’n eijnes Jeschäft!«