Schlieben war glücklich über das Gefallen, das seine Frau an der Gegend fand. Er konnte dieser Landschaft freilich keinen besonderen Geschmack abgewinnen – war es nicht reichlich öde, monoton und unfruchtbar hier? Aber gewiß, Stimmung, sehr viel Stimmung hatte die eigentümliche Szenerie – nun, und wenn sie sich darin behagte, war die ihm doch lieber als ein Paradies!
Sie fuhren oft hinauf bis zur Baraque Michel, jenem einsamen Wirtshaus auf der Grenze von Belgien und Preußen, in dem die Grenzjäger ihren Wacholderschnaps trinken, wenn sie auf etwaige Schmuggler fahnden, und wo die Torfarbeiter ihre nebelfeuchten Kittel und durchnäßten Stiefel am stets brennenden Herdfeuer trocknen.
So viele Kreuze im Venn, so viele Verunglückte. Mit heimlichem Grausen hörte Käte die Erzählungen der Leute – das Venn, konnte das so furchtbar sein?! – und sie fragte sie immer wieder von neuem aus. War’s möglich, jener Mann aus Xhoffraix, der nach Torfstreu gefahren, war hier versunken, mit Karren und Pferd, so dicht am Weg, und man hatte nie, nie wieder etwas von ihm zu Gesicht bekommen?! Und dort das Kreuz, so verwittert und schwarz, wie kam das mitten ins Moor?! Warum hatte sich nur der Handwerksbursche, der auf der Poststraße von Malmedy nach Eupen wandern wollte, so weit ab verlaufen? War es denn Nacht gewesen oder ein Schneetreiben, daß er nicht hatte sehen können, oder Kälte, grimmige Kälte, bei der ein Müder erfriert? Nichts von alledem; nur Nebel, plötzlicher Nebel, der so verwirrt, daß man nicht mehr geradeaus weiß, noch rückwärts, weder links noch rechts, jegliche Richtung verliert, von der Straße abkommt und im Kreise umherrennt wie ein sinnlos verängstigtes armes Tier. Und alle die Nebel, die im Venn steigen, wenn’s Tageslicht auslischt, sind das die Seelen der Unbestatteten, die, in zerfallnen Gewändern allnächtlich ruhelos ihren durch keinen Segensspruch, durch kein Weihwasser geweihten Grüften entsteigen?!
Das war ein Märchen. Aber war’s nicht überhaupt hier wie im Märchen? So ganz anders als irgendwo sonst in der Welt, eigentlich häßlich und doch nicht häßlich, eigentlich nicht schön und doch so über alle Maßen schön?! Und sie selbst, war sie hier nicht eine ganz andre, ging sie nicht erwartungsvoll, selig-verträumt, wie eine, die etwas Wunderbares erleben soll?! –
Es war in der sechsten Woche ihres Aufenthaltes in Spaa. Die Nächte waren schon winterkalt, die Tage aber noch sonnig. Es war immerhin eine weite Fahrt hinauf zur Baraque, auch für die kräftigen Ardennengäule, aber Mann und Frau waren heute doch wieder oben. Hieß es nun bald scheiden?! Ach ja – mit Wehmut mußte sich’s Käte eingestehen – es war sehr herbstlich, das Heidekraut verblüht, die Lüfte rauh; das in der Nacht schon gefroren gewesene Gras raschelte unter ihren Füßen. Man konnte winterliche Kleidung gebrauchen.
»Hu, wie kalt,« sagte fröstelnd Schlieben und schlug sich den Kragen des Überziehers in die Höhe. Er wollte seiner Frau ein Tuch um den Hals schlingen, aber sie wehrte sich dagegen: »Nein, nein!« Eiligen Schrittes lief sie vor ihm her durchs raschelnde Kraut. »Sieh nur!«
Es war ein weiter Ausblick, der sich ihnen bot, hier auf der höchsten Erhebung des Venns, die ein wackeliges Holztürmchen ziert. Die ganze große heidebewachsene Hochfläche lag vor ihnen, darauf ab und zu ein dunkelragendes Tannentrüppchen, das nur auf der dem Sturm abgekehrten Seite breitende Äste zeigte. Ängstlich geduckte Schonungen, kaum höher als das Kraut und nur durch die andre Farbe erkenntlich. Und hier und hier, und da und dort ein grauer Findlingsblock und ein zur Seite gewehtes Kreuz. Und eine Stille darüber im herbstlich bleichen Mittagslicht, als sei hier Gottesacker.
Als sie auf das Türmchen geklettert waren, sahen sie noch mehr. Sie sahen von der Hochfläche zu Tal: rundum eine blaue Weite, blau vom Dunkel der Wälder und vom Duft des Herbstes, und im schönen Blau langgestreckte Dörfer, die weißen Häuser halb verborgen hinter hohen Schutzhecken. Und hier, nach Belgien hinab, mit seinem grauen Dunst wie eine Wolke in der klaren, kristallhellen Herbstluft lagernd, das große Verviers, überragt von Kirchtürmen und Fabrikschornsteinen.
Käte seufzte auf und schauderte unwillkürlich zusammen: ach, so nahe schon die Alltäglichkeit? Rückte ihrer wunderbaren Märchenwelt das graue Leben schon näher und näher?!
Schlieben hüstelte; er fand es reichlich kühl hier oben. Sie stiegen vom Türmchen herunter, aber als er sie zur Baraque zurückführen wollte, widerstrebte sie: »Nein, noch nicht, noch nicht! Es läutet ja erst Mittag!«