Er war nicht ungeduldig – wenigstens zeigte er es ihr nicht – denn ein tiefes Mitleid mit ihr begann in ihm zu wachsen. Natürlich sollte sie in ein Stahlbad; man hätte das längst versuchen sollen, versuchen müssen!

Der belgische Arzt schickte sie nach dem berühmten Spaa.

Hoffnungsvoll kamen sie dort an. Bei ihr war die Hoffnung ganz echt. »Du sollst sehen,« sagte sie heiterer zu ihrem Manne, »hier wird’s mir gut tun. Ich habe so ein unbestimmtes Gefühl – nein, eigentlich das ganz bestimmte Gefühl, daß uns hier etwas Gutes widerfährt!«

Auch er hoffte; er zwang sich dazu, zu hoffen, ihr zuliebe. O, und es wäre ja schon genug, der Erfüllung genug, wenn die Eigenart der Landschaft ihr so viel Interesse abgewänne, daß sie die gänzlich vernachlässigte Malerei wieder aufnähme! Wie froh würde er schon darüber sein! Wenn sich der frühere Eifer zur Kunst wieder einstellte, so war das tausendmal heilbringender, als die stärkste Eisenquelle Spaas.

Die Heide blühte, all die weiten Flächen des Hochlands waren rot, in Purpur versank die purpurne Sonne.

Es kam, wie er gehofft hatte; das heißt, zu malen fing sie nicht an, aber sie unternahm mit ihm Touren in die Ardennen und die Eifel, zu Fuß und zu Wagen, und hatte Freude daran. Das Venn hatte es ihr angetan. Sie stand in ihrem lichten Kleid wie ein kleiner heller Punkt in dem ungeheuern Ernst der Landschaft, schirmte die Augen mit der Hand gegen die hier so unbehinderte, durch keinen Baum, keinen Berg gehemmte Sonnenaussicht und sog in tiefen Atemzügen die herbe, gläserne, noch von keinem Rauch menschlicher Wohnungen, kaum von Menschenodem versehrte Luft ein. Um sie blühte das Venn wie ein gleichfarbener Teppich, tief, ruhig, dem Auge ein wohltuendes Labsal; nur selten reckte sich dazwischen blauer Enzian und die leicht schaukelnde weiße Flocke des Wollgrases.

»O, wie schön!« Das sagte sie mit tiefster Empfindung. Die Melancholie der Landschaft schmeichelte ihrer Stimmung. Da war kein bunter Ton, der sie störte, kein Durcheinander von Farben. Selbst die Sonne, die hier schöner untergeht als anderswo – so tief errötend, daß der ganze Himmel mit errötet, daß der schlängelnde Vennbach, von Moospolstern eingesäumt, jede Lache, jede wassergefüllte Torfgrube rotgolden widerstrahlt und das traurige Venn einen Mantel trägt voll leuchtender Herrlichkeit – selbst diese Sonne brachte keinen grell-heiteren Schein. Groß, würdevoll, eine ernste Siegerin nach ernstem Kampfe, zeigte sie ihr gewaltiges Riesenrund.

Mit großen tränenden Augen sah Käte in diese wunderbare Sonne, bis das letzte Strählchen, das letzte rosige Äderchen im Wolkengrau versiegt war: so ging die sterben – der Himmel war tot –, aber am Morgen stand sie doch wieder da, eine ewig-unvergängliche, nie besiegte Hoffnung! Sollte, durfte da das Menschenherz nicht auch wieder schlagen, neu belebt, immer in Hoffnung?!

Nebel huschten übers Moor, verschleierte, unbeschreibbare, ungewisse Erscheinungen; ein Raunen ging vor dem Wind, ein Lispeln durch Kraut und Wollgras – es war Käte, als habe das Venn ihr etwas zu sagen. Was sagte es?! Ah, das war nicht umsonst, daß sie hier gehalten wurde, sich festgehalten fühlte wie mit starker und doch gütiger Hand!

Sie ging, gleichsam suchend, mit rascherem, elastischerem Schritt.