Er machte sich im geheimen bittere Vorwürfe: wäre es nicht besser gewesen, ihr die Freude zu lassen, nicht dazwischen zu fahren?! Und doch – einmal hätte die Sache doch ein Ende nehmen müssen, und je länger sie angedauert hätte, desto schwerer wäre die Trennung gewesen! Das stand nun fest, mit dem Spätherbst wollten sie wieder nach Berlin heimkehren. Er hielt es beim besten Willen nicht länger so mehr aus; des Umherziehens von Hotel zu Hotel, des Bummelns durch die Welt, das keine andre Frucht zeitigte, als ab und zu mal ein kleines Feuilleton, eine Reiseplauderei über ein noch weniger bekanntes Stückchen Erde, war er herzlich müde. Er sehnte sich wieder nach einer eignen Häuslichkeit, verlangte brennend nach der geschäftlichen Tätigkeit, die, solange er darinnen war, ihm oft als eine Fessel und so nüchtern gedeucht hatte. Aber Käte – – – –! Wenn er daran dachte, daß sie nun wieder viele Stunden einsam zu Hause verbringen würde, sich ganz auf sich und Lektüre beschränkend, denn, übersensitiv wie sie war, fand sie wenig Gefallen am Umgang mit anderen Frauen, dann überkam ihn Hoffnungslosigkeit. Da würden wieder dieselben trüben Augen sein, dieses gleiche, melancholische Lächeln, die alten gereizten Stimmungen, unter denen das ganze Haus litt, sie selber am meisten.

Und er betrachtete sich selber wie anklagend; er ging sein ganzes Leben zurück: hatte er etwas verbrochen, daß ihm kein Sohn beschieden war, keine Tochter?! Ja, wenn Käte ein Kind hätte, dann wäre alles gut, sie wäre vollauf beschäftigt, ausgefüllt durch dieses Wesen, um das sich Elternliebe, hoffnungsvoll und hoffnungsberechtigt, in ewig erneutem Kreise dreht!

Beide Eheleute quälten sich, denn der Frau Gedankenwanderungen endeten erst recht immer an diesem einen Punkte. Jetzt, nachdem sie von jenen lieben Kindern geschieden worden war, von diesem, ach, viel zu kurzen Sommerglück, schien es ihr erst ganz klar geworden zu sein, was sie entbehrte – hatte es nicht vorher nur wie eine schmerzliche Ahnung auf ihr gelastet?! Aber jetzt, jetzt war die grausam deutliche Gewißheit da: alles, was man sonst in der Welt ›Glück‹ nennt, ist nichts gegen den Kuß eines Kindes, gegen sein Lächeln, sein Schmiegen in der Mutter Schoß!

Sie hatte die Kinder auf der Matte beim Kommen und Gehen immer zärtlich geküßt, nun sehnte sie sich nach diesen Küssen. Ihres Mannes Kuß ersetzte ihr diese nicht; sie war nun bald fünfzehn Jahre verheiratet, der Kuß war keine Sensation mehr, er war zu einer Gewohnheit geworden. Aber der Kuß von Kinderlippen, die so frisch, so unberührt, so scheu und doch so zutraulich sind, der war ihr etwas ganz Neues gewesen, etwas unendlich Süßes. Ein Glücksgefühl hatte ihre Seele dabei durchrieselt, zugleich mit dem ganz physischen Behagen, ihren Mund in diese duftig-weichen und doch so prallen Wangen versenken zu können, die von Gesundheit und Jugend flaumig behaucht waren wie die Bäckchen eines Pfirsichs. Immer wieder irrte ihre Sehnsucht zu der Alpenmatte zurück; und diese ihre ungestillte Sehnsucht vergrößerte das Erlebnis, umgab die Gestalten, die so flüchtig in ihrem Leben aufgetaucht waren, mit dem ganzen Glorienschein zärtlicher Erinnerung. Ihre unbeschäftigten Gedanken spannen lange Fäden. Wie sie sich nach den Kleinen sehnte, so würden die sich auch nach ihr sehnen, weinend würden sie über die Matte irren, und das reiche Geldgeschenk, das sie für jedes von ihnen beim Wirt des Hotels hinterlassen – hatte sie doch fortgemußt, ohne ihnen Adieu zu sagen –, würde sie nicht trösten; vor der Tür würden sie stehen und nach den Fenstern hinaufäugen, aus denen ihre Freundin ihnen so oft gewinkt hatte. Nein, das konnte sie Paul nicht verzeihen, daß er so wenig Verständnis gezeigt hatte für ihr Empfinden!

Der Aufenthalt im Schwarzwald, dessen sammetige Wiesenhänge zu sehr an die Matten der Schweiz erinnerten, von dessen Aussichtspunkten man an hellen Tagen zur Alpenkette hinüberblicken konnte, wurde beiden Schliebens zur Qual. Es trieb sie fort; die dunklen Tannen, dieser grüne, tiefe Wald wurde ihnen zu eintönig. Sollten sie es nicht einmal mit einem Seebad versuchen? Das Meer ist alle Tage neu. Und die Saison für die See war auch da; schon wehte der Wind über Stoppelfelder, als sie in die Ebene hinabfuhren.

Sie wählten ein belgisches Seebad, eines, in dem man Toilette macht und ein ganz internationales Publikum täglich etwas Neues zu sehen bietet. Sie empfanden es beide: viel zu lange waren sie in stillen Gebirgseinsamkeiten gewesen!

An den ersten Tagen machte ihnen das bunte Treiben Spaß, aber dann waren sie, zwischen die sich in letzter Zeit etwas wie eine trennende Wand hatte schieben wollen, beide plötzlich ganz einig: hier dieses Auf und Ab von Männern, die Gecken glichen, von Frauen, die, wenn sie der Demimonde nicht angehörten, diese doch mit Erfolg kopierten, war nichts für sie! Nur fort!

Schlieben machte den Vorschlag, jetzt endgültig die Reise aufzugeben und schon etwas früher nach Berlin zurückzukehren, aber davon wollte Käte doch nichts wissen. In ihr war eine geheime Angst vor Berlin – ach, wieder in die alten Verhältnisse zurückkehren?! Sie hatte sich bis jetzt gar nicht gefragt, was sie eigentlich von dieser langen Reisezeit erhofft hatte; aber sie hatte etwas erhofft – ja! Was –?!

Ach, nun würde sie wieder so viel allein sein und nichts, nichts war da, was sie ganz erfüllte!

Nein, sie war noch nicht imstande, nach Berlin zurückzukehren! Sie sagte ihrem Manne, daß sie sich noch erholungsbedürftig fühle – gewiß war sie bleichsüchtig, blutarm! Längst hätte sie Schwalbach, Franzensbad, irgendein Stahlbad besuchen sollen – wer weiß, vielleicht wäre dann manches anders!