»Nur noch zehn – acht – sechs Tage! Auch das nicht mal?!« Sie sagte es schmerzlich enttäuscht, er hatte verneinend den Kopf geschüttelt. Ihre Arme schlangen sich um seinen Hals: »Ich bitte dich, nur noch fünf – vier – drei Tage! Warum denn nicht? Ich bitte dich, die paar Tage – nur drei Tage noch!« Sie feilschte förmlich um jeden Tag. »Ach, dann wenigstens zwei Tage noch!«
Sie schluchzte auf, ihre Arme lösten sich von seinem Halse – zwei Tage mußte er doch zugeben!
Ihre Stimme schnitt ihm durchs Herz; so hatte er sie noch nie bitten hören, aber er stemmte sich gegen die Nachgiebigkeit, die ihn beschleichen wollte: nur keine Sentimentalität! Es war besser, hier rasch aufzubrechen, viel besser für sie!
»Wir reisen morgen!«
Und als sie ihn ansah mit weitgeöffneten, schreckensstarren Augen, tief erbleicht, da entfuhr es ihm, ohne daß er es sagen wollte, herausgelockt von einer Bitterkeit, deren er nicht mehr Meister wurde: »Sie sind ja doch nicht dein!«
2
Und sie reisten ab. Aber es war, als sei mit der smaragdgrünen Alpenmatte, auf der sie die lieblichen Kinder gemalt hatte, der Frau auch jede Freudigkeit entschwunden. Da war wieder ganz der alte nervöse Zug in ihrem Gesicht, die Mundwinkel senkten sich ein wenig abwärts, und sie war leicht geneigt, zu weinen. Mit einer förmlichen Angst beobachtete Schlieben seine Frau: ach, war denn nun wirklich alles umsonst gewesen, das Aufgeben seiner Tätigkeit, dieses ganze lange, abspannende, planlose Herumreisen?! Hatte die alte, trübe Stimmung sie wieder gepackt?!
Wenn er sie so lässig dasitzen sah, die Hände unbeschäftigt im Schoß, überkam es ihn wie Wut: warum tat sie nichts, warum malte sie denn nicht? Es brauchte doch nicht gerade auf jener verwünschten Alpenwiese zu sein! War es denn nicht auch hier schön?!
Sie hatten sich im Schwarzwald niedergelassen; aber von Tag zu Tag hoffte er vergebens, daß eines der grünen stillen Waldtäler sie reizen würde, ihre Malsachen hervorzusuchen, oder eins der bräunlichen Schwarzwaldmädchen mit dem Kirschenhut und dem riesigen, roten Regenschirm, wie Vautier sie gemalt hat. Sie hatte keine Lust, ordentlich eine Art Scheu, den Pinsel wieder anzufassen.