»Geschlagen haben sie mich nicht – das hätte ich mir auch nicht gefallen lassen – nein, geschlagen nicht!«
»Eingesperrt?« fragte sie neugierig.
Er gab ihr keine Antwort; was sollte er sagen?! Nein, eingesperrt hatten sie ihn nicht, er durfte frei umhergehen in Haus und Garten, auf der Straße, in der Schule – und doch, er war doch nicht frei!
Tränen schossen ihm plötzlich in die Augen; stammelnd und stockend brachte er’s heraus: »Du – du solltest – mich – nicht – nicht höhnen – Frida! Ich bin so – so –«
Er wollte sagen ›unglücklich‹; aber das Wort kam ihm zu klein vor und auch wieder zu groß. Und er schämte sich, es laut auszusprechen. So stand er stumm, wie mit Blut übergossen; und nur Tränen, die er nicht mehr zurückhalten konnte, rollten über sein Gesicht und fielen in den Staub der Straße.
Es waren Tränen des Schmerzes und der Wut. Über ein halbes Jahr war’s nun schon her – ach, schon länger – aber es drückte ihn doch noch, als wäre es gestern gewesen. Keinen Augenblick noch hatte er’s vergessen, daß sie ihn eingefangen hatten mit solcher Leichtigkeit. So bald hatten sie ihn gefunden! Beim Morgengrauen schon, noch ehe die Sonne eines neuen Tages aufgegangen war. Und eingebracht hatten sie ihn im Triumph. Was ihm eine große Tat gewesen war, ein Heldenstück, das war ihnen ein Dummerjungenstreich. Die Mutter hatte wohl viel geweint, aber der Vater hatte ihn nur am Ohrläppchen gezogen: ›Einmal und nicht wieder, mein Sohn, das merke dir!‹
Wolfgang weinte still, aber heftig. Frida stand vor ihm und sah ihn weinen, und plötzlich schoß es auch ihr naß in die Augen – sie war doch immer seine gute Freundin gewesen. Nun weinte sie mit.
»Wölfchen,« schluchzte sie, »weine man nich! Es is ja nich so schlimm! Die Leute wissen schon nischt mehr davon – so was verjißt sich! Zu schämen brauchste dir noch lange nich – warum denn? Daß de denen bei dir zu Hause mal en bißchen bange jemacht hast, schad’t jar nischt! Nu sagste einfach, wenn se dir nich zu uns lassen: ›denn renne ich wieder weg!‹ Komm man nächsten Sonntag nachmittag, denn jehe ich nich mit Artur un Flebbe – nee, denn warte ich auf dich!«
Mit der einen Hand wischte sie sich die Tränen ab, mit der andern ihm.
So standen sie im hellen Sonnenglanz, inmitten von blühenden Büschen. Flieder duftete; ein Rotdornbaum und ein Goldregen streuten, geschüttelt vom leisen Maiwind, ihre schönfarbigen Blütenblättchen über sie. Der dunkle und der blonde Kopf neigten sich dicht zueinander.