Käte machte es sich zur Aufgabe, die Predigten des beliebten Geistlichen fleißig zu besuchen. Sonst war sie eigentlich nur Weihnachten und Karfreitag zur Kirche gegangen, jetzt ging sie fast alle Sonntag, ihrem Knaben zulieb, denn er mußte jetzt gehen. Sie gingen Sonntags gemeinsam aus dem Haus, fuhren gemeinsam zur Kirche, saßen nebeneinander; aber während sie dachte: ›Wie geistvoll, wie durchdacht, welch ein Schwung, muß der ein jugendliches Gemüt nicht mit sich fortreißen?!‹ – dachte Wolfgang: ›Wär’s doch nur schon aus!‹ Er langweilte sich. Und noch nie war seine Seele hier aufgeflogen so wie beim Klingeln des Glöckchens, wie beim Heben der Monstranz, wie beim Duften des Weihrauchs vor dämmernden Altären.

Es war etwas in ihm, das trieb ihn zu jener Kirche, die er einst mit Cilla besucht hatte. Wenn er zur Konfirmandenstunde ging, mußte er da unweit vorüber; aber wenn der Weg auch weiter gewesen wäre, er hätte es doch möglich gemacht, dort einzutreten. Nur ein paar Minuten, nur wenige Sekunden hier in einem Winkel stehen, nur ein paar Atemzüge tun in dieser süßen, ahnungsvollen, einlullenden Weihrauchluft! Allzeit fand er diese Kirche offen; und wenn er dann wieder hinaustrat in das Brausen Berlins, ging er durch die Straßen mit ihrem Rennen und Fahren wie einer, der aus einer andern Welt kommt. Dann achtete er nicht auf das, was man ihm vortrug an Kirchenlehre und Kirchengeschichte – was waren ihm Doktor Martin Luther, Calvin und andere Reformatoren?! – seine Seele war gefangen, sein Denken untergegangen in einem Gefühl dumpfer Gläubigkeit.

So gingen Sommer und Winter hin. Als die Tage längten und eine milde Sonnenwärme alle winterliche Feuchte bald zu trocknen versprach, ließ Schlieben seine Villa verputzen und neu streichen. Auch sie sollte ein festliches Kleid anziehen zu des Sohnes Festtag.

Wunderhübsch guckte das weiße Haus mit den roten Dächern und den grünen Läden hinter den Kiefern hervor; es hätte fast etwas Ländliches gehabt, wären die großen Spiegelscheiben nicht gewesen und der neu angebaute Wintergarten mit seinen Palmen und blühenden Azaleen. Im Garten säte Friedrich den Rasen neu ein, und ein Gehilfe stach die Rabatten sauber ab; überall wurde gegraben und gehackt. Dreist und froh zirpten Spatzen überlaut; aber Papierschnipsel, die, an langen Bindfäden über eingesäte Rasenflächen gespannt, im klärenden Wind flatterten, scheuchten die Frechen vom willkommenen Futter. Alle Gärten erwachten; die Rosenstämmchen waren zwar noch nicht von ihren Hüllen befreit, in denen sie aussahen wie Strohpuppen, aber an den Obstbäumen zeigten sich die knospenden Triebe, und der Seidelbast prangte in seinen pfirsichfarbenen Blüten. Kinderwagen in Weiß und Himmelblau fuhren die Straße auf und nieder, das Baby drinnen guckte schon hinterm Gardinchen vor, und kleine Füßchen trippelten noch nebenher. Aus allen Türen kamen Bonnen und Kinder, die Knaben mit Reifen, die Mädchen mit dem Ball in dem gestrickten Netz. Kichernde Backfische zogen zum Tennis, und junge Herrchen, vom Tertianer an, machten ihnen die Cour.

Überall Helle und Heiterkeit. In den Kiefernwipfeln freudig-erregtes Rauschen, in den Weiden am Seerand ein Auf und Ab von quellendem Saft. Ein Zug von Staren zog über die Grunewaldkolonie, und jeder Vogel äugelte nieder und suchte sich aus, in welchem Kästchen der hohen Stangenkiefern es ihn am meisten gelüstete zu nisten.

Oben auf Wolfgangs Bett lag der neue Anzug ausgebreitet – schwarze Hose und Rock – zur Konfirmation. Nun sollte er ihn einmal anprobieren.

Es war ein eigentümliches Gefühl in Käte, ein Herzzittern dabei, als sie ihm half, den ungewohnten Anzug anlegen. Bis jetzt war er immer wie ein Junge gekleidet gewesen, in Kniehose und Matrosenbluse, nun sollte er auf einmal wie ein Herr angezogen gehn. Der festlich-schwarze, feine Anzug kleidete ihn nicht; nun sah man erst, daß er derb war. Steif stand er da, die lange Hose zwängte ihn, der Rock war ihm ebenso unbequem; er machte ein unglückliches Gesicht.

»Sieh dich doch an, sieh dich doch mal an,« sagte Käte und schob ihn vor den Spiegel.

Er sah hinein; aber er sah den Anzug nicht, er sah nur das Gesicht der Mutter, die mit ihm zu gleicher Zeit ins Glas blickte, und sah, daß da auch nicht ein einziger Zug gemeinsam war zwischen ihm und ihr.

»Wir sehen uns kein bißchen ähnlich,« murmelte er.