»Wie – was sagst du?« Sie hatte nicht verstanden.
Er antwortete nicht.
»Gefällt dir der Anzug nicht?«
»Scheußlich!« Und dann starrte er zerstreut. Was hatten sie doch heute vormittag wiederum gesagt? Sie hatten gestichelt! Lehmann und von Kesselborn, die mit ihm eingesegnet wurden. War es darum, weil ihre Väter nicht so reich waren?! Kesselborns Vater war ein verabschiedeter Offizier, jetzt Standesbeamter, aber Kesselborn war schrecklich eingebildet auf sein ›von‹; und Lehmann war Kesselborns Intimus. Aber er hatte den beiden gesagt, daß er eine silberne Uhr schon seit dem achten Jahr hätte, und daß er zur Einsegnung eine echt goldene bekäme, die er dann immer, für alle Tage tragen würde – das hatte sie schmählich geärgert!
Vor Beginn der Konfirmandenstunde war’s gewesen – sie waren schon alle versammelt –, da hatte Kesselborn auf einmal gesagt: »Der Schlieben ist ein Protz,« und sich dann direkt zu ihm gewendet: »Hab dich nur nicht so!« Und Lehmann hatte noch zugefügt, auch recht laut, daß es alle hören mußten: »Tu dich man nicht so dicke, man weiß doch, was man weiß!«
»Was weißt du?!« Er hatte dem Lehmann anspringen wollen wie ein Tiger, aber da war der Geistliche eingetreten, und sie hatten gebetet. Und als der Unterricht, von dem er fast nichts gehört hatte – er hörte immerfort das andre –, aus gewesen war, wollte er sich über Kesselborn und Lehmann hermachen, aber die saßen nahe bei der Tür und waren schon weg, ehe er aus seiner Bank herauskonnte. Er sah sie nicht mehr. Aber er sah Blicke, in denen eine gewisse Neugier und Schadenfreude lauerte – oder war’s ihm nur so?! Er war sich darüber nicht klar geworden, er hatte auch nicht weiter mehr darüber nachgedacht. Aber wie er nun das Gesicht der Mutter so dicht neben dem seinen im Spiegel erblickte, fiel ihm auf einmal alles wieder ein. Und schwer fiel’s ihm ein, plumpte wie ein Stein in sein Denken.
»Ich sehe dir gar nicht ähnlich,« sagte er noch einmal. Und dann belauerte er sie: »Dem Vater auch nicht!«
»O doch,« sagte sie hastig, »dem Vater sehr!«
»Keine Spur!«
Sie war heftig errötet, und nun sah er, daß sie jäh blaß wurde. Jetzt lachte sie, aber es war etwas Gezwungenes in ihrem Lachen. »Es gibt doch viele Kinder, die ihren Eltern wenig ähnlich sehen – das macht’s doch nicht!«