»Nein, aber –!« Er hielt auf einmal inne und sprach nicht weiter und zog die Brauen finster zusammen, wie er immer tat, wenn er angestrengt nachdachte. Und unter diesen zusammengezogenen Brauen hervor schoß er so scharfe, so mißtrauische, so prüfende Blicke in den Spiegel, daß Käte unwillkürlich zur Seite wich und ihr Kopf nicht mehr neben dem seinen im Glas zu sehen war.

Es hatte sie durchfahren mit plötzlichem Schreck: was meinte er, war’s Absicht, daß er so sprach, oder sagte er’s völlig unbefangen?! Was ahnte er – oder ahnte er nichts?! Was hatte man ihm gesagt, was wußte er?!

Ihre Hände, die sich jetzt an seinem Anzug zu schaffen machten – sie war niedergekniet und zupfte seine Beinkleider länger herunter –, waren voll nervöser Hast, zupften hier, zupften da und zitterten.

Er sah jetzt nicht mehr in den Spiegel, er sah auf die Knieende herunter mit einer Miene, die sich nicht enträtseln ließ. Für gewöhnlich war sein Gesicht nicht ausdrucksvoll und weder schön, noch häßlich, weder bedeutend, noch unbedeutend – es war ein noch ungeprägtes, glattes, unausgereiftes Knabengesicht – aber nun war etwas darin, etwas Zweifelndes, Unruhevolles, was es älter erscheinen ließ, in die Stirn Furchen zog und um den Mund Linien. Hinter dieser gekrausten Stirn schienen Gedanken zu kreisen; die derben Nasenflügel bebten leise, die Lippen preßten sich in einem Zucken aufeinander.

In dem Zimmer ward es ganz still. Die Mutter sprach kein Wort, der Sohn auch nicht. Draußen zwitscherten Vögel, man hörte jedes leiseste Piepen und das heimliche Sumsen des Frühlingswindes in den Kiefernwipfeln.

Langsam erhob sich Käte von den Knieen. Es wurde ihr schwer, aufzustehen, wie eine Lähmung fühlte sie’s in allen Gliedern. Mit der Hand nach dem nächsten Möbel tastend, half sie sich auf.

»Zieh dich nun wieder aus,« sagte sie leise.

Er war schon dabei, sichtlich erleichtert, die ungewohnte Kleidung von sich streifen zu können.

Sie hätte so gern mit ihm gesprochen, irgend etwas ganz Gleichgültiges – nur sprechen, sprechen! – aber sie fühlte eine sonderbare Scheu vor ihm. Es war ihr, als könnte er zu ihr sagen: ›Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?!‹ Und sie verstummte vor Angst.

Nun hatte er den neuen Anzug abgelegt und stand vor ihr mit der breiten Brust, die das nicht zugeknöpfte Hemd nackt ließ, mit den stämmigen Beinen, von denen die Strümpfe herabgerutscht waren, in seiner ganzen grobknochigen, nur halb bekleideten Derbheit. Sie wendete den Blick ab – war das schon ein großer Mensch! – und gleich darauf sah sie doch wieder hin: warum soll eine Mutter sich scheuen, ihr Kind zu betrachten?! Eine Mutter –?!