Vor ihren Blicken flimmerte es. Zur Tür schreitend, drehte sie nicht mehr den Kopf nach ihm, als sie sprach: »Ich gehe jetzt herunter. Du wirst wohl auch ohne mich fertig!«
Er murmelte etwas Unverständliches. Und dann stand er noch lange, halb bekleidet, und blickte so starr ins Spiegelglas, als könnten die Pupillen seiner Augen sich nicht bewegen. –
Immer näher rückte der Tag der Konfirmation; am Palmsonntag sollte sie stattfinden. Doktor Baumann hatte den jungen Menschen die Bedeutung des Schrittes, den sie zu tun im Begriff standen, sehr lebendig vor Augen gerückt. Nun fiel doch etwas vom Strahl der Feierlichkeit in Wolfgangs Gleichgültigkeit. In den letzten Stunden war er aufmerksamer; das kahle Konfirmandenzimmer mit den wenigen Bildern an den einförmigen Wänden dünkte ihn nicht ganz so kahl mehr. War’s nur, weil er sich daran gewöhnt hatte?! Gedämpfteres Licht fiel durch die sonst so tagesnüchternen Fenster und huschte verschönernd über die langweiligen Reihen der Bänke.
Selbst Lehmann und Kesselborn waren ihm in diesem Lichte nicht ganz so unsympathisch mehr. Es wurde alles milder, versöhnlicher. Die harte Knabenseele wurde weich. Wenn der Geistliche über die Gebote sprach und besonders das eine betonte: ›Ehre Vater und Mutter,‹ dann war es Wolfgang, als hätte er seinen Eltern vieles abzubitten: besonders der Mutter.
Aber kam er dann nach Hause, wollte ihr etwas Liebes sagen – ganz unvermittelt, so einfach aus seinen Gedanken heraus – dann war es ihm doch nicht möglich, denn sie fühlte ihm seine Absicht nicht an.
Manchen Tag ging Käte ihm zur Bahn entgegen – o, wie müde mußte der arme Junge heimkehren! Das war jetzt eine zu große Hetzerei, so oft in die Stadt hinein zum Unterricht, und in der Schule gab’s vorm Semesterschluß auch doppelt große Anstrengungen! Streicheln hätte sie ihn mögen, ihn hätscheln wie vormals das kleine Wölfchen. Aber wenn sie ihn dann daherschlendern sah, gar nicht ausschauend nach ihr, ohne Ahnung, daß sie da war, ihn zu erwarten, dann bog sie wohl rasch um die nächste Ecke oder blieb still stehen hinter einem Baum und ließ ihn vorüber. Er bemerkte sie gar nicht. – – –
Es waren ihrer viele, die der beliebte Geistliche zur Einsegnung vorzubereiten hatte, zu viele; er konnte sich nicht um jeden einzelnen kümmern, aber er glaubte doch der Mutter, die in einer gewissen Unruhe ihn aufsuchte, um ihn zu fragen, wie es denn um Wolfgang stehe, versichern zu können, daß er mit ihm zufrieden sei.
»Ich weiß, ich weiß, gnädige Frau! Ihr Herr Gemahl hat es für seine Pflicht gehalten, mich aufzuklären – ich habe ja auch den katholischen Taufschein des Knaben gesehen. Aber ich glaube Sie mit gutem Gewissen versichern zu können: der junge Mensch ist ein aufrichtig überzeugter evangelischer Christ! – Wie, Sie haben noch irgendwelches Bedenken hierüber?!« Ihre zweifelnde Miene, die fragende Ängstlichkeit ihres Blickes erstaunten ihn.
Sie nickte: ja, sie hatte ein Bedenken. Merkwürdig, wie ihr das in letzter Zeit so gekommen war! Aber ein Fremder, ein andrer würde es nicht verstehen, auch dieser Mann mit den klugen Augen und dem milden Lächeln nicht. Sie hätte dies Bedenken ja auch kaum in Worten zum Ausdruck bringen können. Und weit, weit hätte sie ausholen müssen, so weit, von damals an, wo sie das Kind seiner Mutter wegnahmen, es ganz in ihre eignen Hände nahmen, das ganze Kind mit Leib und Seele!
So sagte sie nur: »Also Sie glauben – Sie glauben wirklich – o, wie ich mich freue, Herr Doktor, daß Sie glauben, wir haben recht getan?!« Erwartungsvoll sah sie ihn an – ah, sie lechzte ja nach einer Bestätigung – und er neigte den Kopf: