»So weit unser Wissen und Verstehen geht – ja!« –

In der Nacht auf Palmsonntag schlief Wolfgang nicht. Es war ihm heute in der letzten Konfirmandenstunde gesagt worden, er solle sich innerlich vorbereiten. Und er fühlte es auch, daß morgen ein wichtiger Tag sei; ein Abschnitt. Er mühte sich, über all das zu denken, was ein Konfirmand bedenken soll. Er war sehr müde und konnte das Gähnen nicht unterdrücken, aber er riß krampfhaft immer wieder die Lider auf. Doch konnte er’s nicht hindern, daß seine Gedanken sich immer wieder verwirrten; er war nicht mehr ganz klar.

Was für einen Spruch er wohl bekommen würde morgen, zum Andenken an die Konfirmation?! Sie hatten in der Schule schon oft darüber hin und her geredet, jeder hatte seinen Lieblingsspruch, auf den er hoffte. Und ob er morgen früh vor der Kirche die goldene Uhr kriegen würde?! Selbstverständlich! Hei, wie würden sich dann Kesselborn und Lehmann bosen – – die Halunken! Unter die Augen halten würde er sie ihnen: da, seht mal! Grün sollten sie werden vor Neid – was brauchten sie über ihn zu tuscheln, sich um Sachen zu kümmern, die sie gar nichts angingen?! Pah, beunruhigen konnten sie ihn ja doch nicht, nicht mal ärgern!

Und doch sah er auf einmal sein eignes Gesicht so deutlich vor sich und das Gesicht der Mutter daneben, wie im Spiegelglas. Da war auch nicht ein Zug gemeinsam – nein, nicht einer!

Es war in der Tat doch merkwürdig, daß Mutter und Sohn sich so wenig glichen! Er war jetzt hell wach und fing an zu grübeln, die Stirn in Falten gezogen, die Hände zusammengeballt. Was meinten sie bloß mit ihren Anzüglichkeiten?! Wenn er das nur wüßte! Ganz zufrieden wollte er dann sein und ganz beruhigt. Aber so, im unklaren, konnte er an gar nichts andres denken. Immer wieder kreiste sein Sinnen um den einen Punkt. Das war ein scheußliches Gefühl, das ihn jetzt plagte, eine große Unsicherheit, in der er tappte wie im Stockfinstern. Licht, Licht! Er mußte Licht bekommen – ha, er würde schon welches bekommen!

Er wälzte sich unruhig, förmlich gequält, und überlegte und grübelte, wie er es herausbringen, wo er die Wahrheit erfahren sollte. Wer würde ihm bestimmt sagen, ob er der Eltern Kind war oder ob er’s nicht war? Warum sollte er denn eigentlich nicht ihr Kind sein?! Ja, er war’s – nein, er war’s nicht! Aber warum denn nicht?! Wenn er nicht ihr richtiges Kind wäre, würde ihm das sehr leid sein? Nein, nein – aber doch, es erschreckte so!

Schweiß lief dem aufgeregten Knaben über den Körper, und doch fror ihn. Fester zog er die Decke um sich und schüttelte sich wie im Fieber. Seltsam gebärdete sich dabei sein Herz, es flatterte ihm in der Brust wie mit unruhigem Flügelschlag. Ach, wenn er doch schlafen könnte und alles vergessen! Morgen wäre dann kein Gedanke mehr daran da und alles wie sonst!

Krampfhaft preßte er die Augen zu, aber der einmal gescheuchte Schlaf kam nicht mehr wieder. Er hörte die Uhren schlagen: unten vom Eßzimmer dröhnte die alte Standuhr herauf, und die bronzene Pendüle aus dem Zimmer der Mutter rief mit silberner Stimme. Die Stille der Nacht übertrieb die Geräusche; so laut hatte er die Uhren noch nie schlagen hören.

Kam der Morgen denn noch nicht, war das Licht denn noch nicht da?! Er sehnte den Tag herbei, und doch scheute er sich vor ihm. Eine unerklärliche Angst überfiel ihn plötzlich – ei, vor was fürchtete er sich denn so?

Wenn er doch schon in der Kirche wäre – nein, hätte er das doch schon hinter sich! Ein Widerstreben war in ihm, eine plötzliche Unlust. Rasend jagte immer derselbe Gedanke durch seinen Kopf, und sein Herz jagte mit; eine Sammlung war ihm nicht möglich. Seufzend drehte er sich in seinem Bette, fühlte sich unendlich vereinsamt, verängstigt, ja verfolgt.