›Führe ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mir in die Hölle, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer‹ – ach, jenem einen Gedanken entfloh er nicht, überall war der und immer, immer da! – –

Als die Frühsonne des Palmsonntags sich zwischen den noch geschlossenen Läden durchstahl, in feinen goldenen Stäbchen in die Innenräume drang, kam Käte in das Zimmer ihres Sohnes. Sie war bleich, hatte sie doch die ganze Nacht mit sich gerungen: sollte sie ihm etwas sagen, jetzt an diesem Lebensabschnitt – sollte sie ihm nichts sagen?! Es war etwas, das in ihr flüsterte: ›der Tag ist da, sag’s ihm, du bist es ihm schuldig‹ – aber als die Morgensonne schien, hieß sie die Stimme der Nacht schweigen. Warum es ihm sagen, was kümmerte es ihn? Was er nicht wußte, konnte ihn nicht grämen; doch wenn er es wüßte, dann – vielleicht, daß er dann – o Gott, nur schweigen, nur nicht ihn verlieren!

Aber es drängte sie, ihn ihre Liebe fühlen zu lassen. Als sie hineinkam auf leisen Sohlen, war sie überrascht, denn er stand schon völlig angekleidet, im neuen schwarzen Rock, in den langen Hosen, am Fenster und sah unbeweglich hinaus auf das Stück Feld, auf dem man jetzt auch anfing, eine Villa zu bauen. Das Untergeschoß war schon fertig, hoch ragte ein Balkengerüst; es wurde ein gewaltiger Kasten.

»Guten Morgen, lieber Sohn!« sagte sie.

Er hörte sie nicht.

»Du! Wolfgang!«

Da fuhr er herum und sah sie an, erschrocken und als kenne er sie nicht.

»O, du bist schon ganz fertig!« Wie Enttäuschung lag’s in ihrem Ton; sie hätte ja so gern mit Hand angelegt, ihm geholfen, gerade an diesem Tage. In ihrem Herzen war ein wunderliches Gefühl; sie hatte nie geglaubt, daß dieser Tag sie so bewegen würde: war’s denn nicht ein Tag, wie andere Tage auch, ein Festtag natürlich, aber einer von vielen?! Und nun war’s ihr doch, als wäre dieser Tag einzig und als käme nie ein ähnlicher wieder.

Sie ging auf Wolfgang zu, legte die Arme um seinen Nacken und sah ihm tief in die Augen: »Mein Kind!« Und dann lächelte sie ihn an. »Nimm meinen Glückwunsch!«

»Wozu?« Er blickte so fremd über sie hin, daß all das, was sie ihm hatte Inniges sagen wollen, ungesagt blieb. Er war doch noch ganz Kind, trotzdem er sie fast überragte, noch viel zu sehr Kind, er verstand die Bedeutung dieses Tages noch gar nicht! So begnügte sie sich damit, nur noch an seinem Anzug zu bessern, ihm hier ein Fädchen abzunehmen, dort ein Stäubchen abzublasen und ihm den Schlips zurechtzuzupfen. Und dann mußte er den Kopf bücken: sie zog ihm den Scheitel noch einmal in dem sich ungern fügenden, immer wieder die Linie störenden, straffen Haar. Und dann konnte sie doch nicht an sich halten, nahm sein rundes Gesicht zwischen ihre beiden Hände und drückte ihm einen raschen Kuß auf die Stirn.