›Warum nicht auf den Mund?‹ dachte er. ›Eine Mutter hätte ihr Kind auf den Mund geküßt!‹
Sie gingen hinunter zum Frühstück. Blumen standen auf dem Tisch; der Vater saß schon da im schwarzen Gehrock, und auf Wolfgangs Teller lag die goldene Uhr. Eine kostbare Uhr. Er besah sie kritisch: ja, die gefiel ihm! ›Zur Erinnerung an den 1. April 1901‹ stand im Innern der goldenen Schale eingraviert. Weder Kesselborn noch Lehmann würden eine solche Uhr bekommen, keiner der Konfirmationsgenossen auch nur eine annähernd so kostbare! Furchtbar schwer war die Uhr – nun müßte er eigentlich auch noch eine goldene Kette dazu haben!
Die Eltern beobachteten Wolfgang, wie er dastand, die Uhr in der Hand, und darauf niedersah – ja, er freute sich! Und das erfreute sie wiederum, besonders Käte. Sie war dafür gewesen, ihm in den Deckel der Uhr auch noch einen Spruch eingravieren zu lassen, aber Paul hatte das nicht gewollt: nur keine Sentimentalitäten! Aber es war ja auch gut so, der Junge hatte seine Freude an dem Geschenk, also war der Zweck erreicht.
»Sie schlägt auch,« erklärte sie eifrig, »mitten im Dunklen kannst du wissen, welche Stunde es ist. Sieh mal, wenn du hier – siehst du? – wenn du hier drückst!«
»Ja! Gib mal – hier?!« Er war ganz bei der Sache.
Beinahe hätten sie sich verspätet; es war Zeit zum Aufbruch. Zwischen den Eltern ging Wolfgang zur Bahn. Als sie an dem Haus vorüberkamen, in dem Lämkes Portiers waren, stand Frida in der Tür. Sie mußte sich heute früher als sonst am Sonntag herausgemacht haben; sie war schon ganz im Staat, sah allerliebst aus, lächelte und nickte. Gleich darauf steckte Mutter Lämke den Kopf aus dem niedrigen Souterrainfenster und sah dem Knaben nach.
»Da jeht er nu hin,« philosophierte sie. »Wer weeß ooch, wie sich det noch im Leben für ihn jestaltet!« Sie war ganz gerührt.
Es war ein herrliches Wetter heute, ein wirklicher Frühlingstag. Eine festliche Helle glänzte über den geschmackvollen Villen; alle Sträucher trieben, Krokus, Tulpen, Primeln blühten freudig. Selbst Berlin mit seinen grauen Häusermassen und seinem lärmenden Verkehr zeigte ein sonntägliches Gesicht. Es war so viel stiller auf den Straßen; freilich sausten die elektrischen Bahnen dahin, und Droschken fuhren und Equipagen, aber keine Lastwagen rollten, keine Bier- und Schlächterkarren. Es ging alles so viel stiller zu, wie gedämpft, wie gesänftigt. Die Straßen erschienen noch breiter als sonst, weil sie leerer waren, und die Menschen, die auf ihnen gingen, zeigten andre Gesichter als sonst.
Zur Kirche strömten die Konfirmanden; es war ihrer eine große Zahl Knaben und Mädchen. Meist fuhren die Mädchen im Wagen vor, sie waren ja alle Töchter aus guten Häusern.
Ach, all diese Jugend! Käte konnte eine leis-sehnsüchtige, fast neidvolle Regung kaum unterdrücken: wer doch auch noch so jung wäre! Aber dann ging jeder selbstische Gedanke unter in dem einen Gefühl: der Junge, der Junge, der schritt nun heraus aus der Kindheit Land! Gott sei mit ihm!