Empfindungen, von denen sie lange nichts mehr gewußt hatte, kindlich gläubige, ganz naive Empfindungen durchwogten sie; alles, was die Jahre und das Leben in der Welt so mit sich gebracht hatten, fiel von ihr ab. Heute war sie wieder jung wie die da vorm Altar, vertrauensselig, hoffnungsfroh.
Doktor Baumann machte die Einsegnung sehr mahnend-ernst; viele der jungen Kinder schluchzten nicht minder als ihre Mütter. Ein Schauer wehte durch die gefüllte Kirche, tief senkten sich die jungen dunklen und blonden Köpfe. Käte sah nach Wolfgang hin: sein Kopf war der dunkelste von allen. Aber er hielt ihn nicht gesenkt, sondern aus unsteten Augen irrte sein Blick durch die Kirche, bis hin zu jenem Fenster; dort blieb er starr haften. Was suchte er da – an was dachte er?! Sie glaubte zu bemerken, daß er nicht bei der Sache war, und das schaffte ihr Unruhe. Näher zu ihrem Mann rückend, flüsterte sie: »Siehst du ihn?!«
Er nickte und flüsterte zurück: »Freilich! Er ist größer als alle andern!« Es lag etwas von Vaterstolz in Schliebens Flüstern. Ja, heute an diesem Tage fühlte er es: wenn man auch manche Sorge hatte, die man sonst nicht gehabt hätte, manche Unbequemlichkeit und Unannehmlichkeit, manche Freude hätte man doch auch nicht kennen gelernt! Trotz allem und allem: der Junge konnte gut werden! Wie jünglinghaft seine Erscheinung war! Einen fast männlichen Zug hatte er um den Mund! Sonst war dem Vater das noch nie aufgefallen – machte wohl der schwarze Anzug die Knabengestalt so ernsthaft?!
Wolfgangs Gedanken gingen eigne Wege; nicht die hier vorgeschriebenen. Viele Empfindungen kreisten in ihm, aber keine derselben konnte er festhalten; er war sehr zerstreut. Durchs Viereck in des Kirchenfensters Scheibe sah er leere Luft, und diese belebte sich ihm mit huschenden Gestalten: Vater, Mutter, Frida, Lehrer und Kameraden. Aber alle glitten sie vorüber, keine Erscheinung blieb. Er fühlte sich plötzlich ganz allein inmitten der Menge von Menschen.
Als die Reihe an ihn kam, trat er mechanisch zum Altar, neben sich Kullrich; vor sich Lehmann und Kesselborn. Wie er diese beiden jetzt auf einmal wieder haßte! Seine Uhr, seine goldene Uhr hätte er ihnen vor die Füße werfen mögen: da, nehmt sie! Aber nehmt zurück, was ihr gesagt habt, nehmt’s zurück! Pfui, was war das für eine gräßliche Nacht gewesen – ekelhaft! Die fühlte er noch in den Gliedern; schwer waren seine Füße, und als er jetzt auf dem Polster niederkniete, das auf der Altarstufe lag, waren seine Kniee steif. Kullrich neben ihm weinte in einem fort leise. Aha, der dachte wohl an seine Mutter, die nicht mehr bei ihm war! Armer Kerl! Und plötzlich fühlte Wolfgang, daß ihm etwas Feuchtheißes in die Augen drängte.
Oben summte die Orgel leise, und in das sanfte Tönen sprach die milde Stimme des Geistlichen die Sprüche hinein, die er seinen Konfirmanden ausgesucht hatte:
»Offenbarung Johannis, Kapitel 21, Vers 4. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das erste ist vergangen!«
Aha, das war was für Kullrich! Der hob das tränennasse Gesicht, das so rot und heiß war, zu der Tröstung empor. Aber nun, nun – Wolfgangs Atem stockte – jetzt, jetzt kam sein Spruch! Was würde er für einen Spruch bekommen, was würde man ihm sagen?!
»Ebräer 13 Vers 14. Denn wir haben hie keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir!«
Das – das sollte für ihn sein?! Was hieß das?!