Und draußen schlief auch alles. Die Kiefern standen ums Haus, regungslos, und ihre dunklen Silhouetten, steif wie aus Pappe geschnitten, hoben sich scharf ab vom silbrigen Nachthimmel.

Kein Ruf, kein Fußtritt, kein Räderrollen, kein Singen, kein Lachen, nicht einmal ein Hundegekläff stieg auf aus der schlafenden Grunewaldkolonie. Nur wie ein leises Seufzen ging’s um die weiße Villa mit dem roten Dach und den grünen Läden.

Die Mutter, die auf ihren Sohn wartete, horchte auf: war da jemand?! Nein, es war das Nachtlüftchen, das dort die Äste der alten verknorrten Kiefer zu bewegen versuchte.

Käte Schlieben stand jetzt am Fenster – vorhin hatte sie es ungeduldig aufgerissen – nun beugte sie sich hinaus. Soweit ihr Auge reichte, war niemand zu sehen – gar niemand. Er kam noch immer nicht!

Zwei schlug die Uhr. Mit einem fast verzweifelten Blick sah sich die Frau nach dem Kamin um: o, diese quälende, diese unerträgliche Uhr! Es konnte nicht sein, sie mußte falsch gehen, es konnte nicht sein, daß es schon so spät war!

Käte hatte schon manchen Abend aufgesessen und auf Wolfgang gewartet, aber so lange wie heute war er noch nie ausgeblieben. Paul hatte nichts dagegen, wenn der Junge seine eignen Wege ging. ›Liebes Kind,‹ hatte er ja gesprochen, ›das kannst du nicht ändern. Lege dich hin und schlafe, das ist viel vernünftiger. Der Junge hat den Schlüssel, er wird schon wohlbehalten ins Haus kommen. Einen jungen Menschen in seinem Alter kannst du nicht mehr gängeln. Laß ihn – du verleidest ihm ja sonst unser Haus – laß ihn doch ruhig gehen!‹

Was Paul sich dachte! Freilich, er hatte ganz recht, gängeln durfte sie ihn nicht mehr! Das konnte sie auch gar nicht mehr – hatte sie nie gekonnt. Aber wie konnte sie sich ruhig zu Bett legen?! Schlafen würde sie ja doch nicht. Wo blieb er?! –

Käte war grau geworden. In den drei Jahren, die verstrichen waren seit des Sohnes Einsegnung, hatte sie sich äußerlich sehr verändert. Während Wolfgang in die Höhe wuchs, stark und sich breitete wie ein junger Baum, hatte ihre Gestalt sich geneigt wie eine Blume, die regenbeschwert ist oder welken will. Ihre feinen Züge waren dieselben geblieben, aber ihre Haut, die so lange eine fast mädchenzarte Glätte bewahrt hatte, war schlaffer geworden; ihre Augen sahen aus, als hätten sie viel geweint. Die Bekannten fanden Frau Schlieben recht gealtert.

Wenn sich Käte jetzt in dem Spiegel sah, hatte sie nicht mehr das freudige Erröten über die eigne wohlkonservierte Erscheinung; sie sah sich nicht gern mehr an. Es hatte ihr irgend etwas innerlich und äußerlich einen Ruck gegeben. Was das gewesen war, ahnte niemand. Schlieben freilich wußte es, aber er sprach mit seiner Frau nicht darüber: warum sie von neuem aufregen, alte Wunden wieder aufreißen?!

Er hütete sich wohl, noch einmal wieder auf jenen Konfirmationstag zurückzukommen. Es war auch bequemer so. Den Jungen hatte er freilich damals noch ordentlich vorgenommen, ihm in strengen Worten sein undankbares Verhalten klar gemacht und ein rücksichtsvolleres und besonders gegen die Mutter liebevolleres Benehmen von ihm verlangt. Und der junge Mensch, den sein Betragen wohl längst reuen mochte, hatte dagestanden wie ein armer Sünder, nichts hatte er gesagt, den gesenkten Blick nicht gehoben. Und als der Vater ihn zuletzt zur Mutter geführt hatte, hatte er sich führen lassen und sich von der Mutter, die ihn mit beiden Armen umschlang, umschlingen lassen. Sie hatte über ihm geweint und ihn dann geküßt.