Nun hörte er’s auch. Sie horchten beide: war das ein Tier? Oder die Stimme eines Kindes, eines ganz kleinen Kindes?!
»O Gott!« Weiter sagte Käte nichts, aber sie machte, kurz entschlossen, eine Wendung nach rechts und lief eilig, ohne acht zu haben, daß sie mehrmals stolperte im schier undurchdringlichen Beerengestrüpp, zu einer kleinen Bodensenkung hinunter.
Ihr feines Ohr hatte sie recht geführt. Da lag das Kind auf der Erde. Es hatte kein Kissen, keine Decke, war recht erbärmlich eingebündelt in einen alten, zerschlissenen Frauenrock. Sein Köpfchen, das dunkel behaart war, lag im bereiften Kraut; mit den großen, klaren Augen guckte es starr in die Helle, die zwischen Himmel und Venn flimmerte.
Da war kein Schleier, keine schützende Hülle; auch keine Mutter – nur das Venn.
Sie hatten sich doch getäuscht: es weinte nicht, es grahlte nur so vor sich hin, wie stillzufriedene Kinder zu tun pflegen. Seine kleinen Händchen, die nicht mit eingebündelt waren, hatten um sich gefaßt, einige der roten Beeren gegriffen und zerquetscht. Dann waren die Fäustchen zum hungrigen Mündchen gewandert; die Säuglingslippen waren betropft mit Beerensaft.
»So allein?!« Käte war in die Kniee gesunken, ihre Hände umfaßten zitternd das Bündel. »Um Gottes willen, das arme Kind! O, wie reizend es ist! Sieh nur, Paul! Wie kommt es hierher? Es wird erfrieren! Verhungern! Ruf mal, Paul! Das arme Würmchen! Wenn jetzt die Mutter käme, der würde ich es aber gehörig sagen – es ist schändlich, das hilflose Wesen so liegen zu lassen! Rufe – laut – lauter!«
Er rief, er schrie: »He, holla! Ist niemand da?!«
Keine Stimme antwortete, kein Mensch kam. So still lag das Venn, als sei es eine ausgestorbene, längst vergessene Welt.
»Es kommt niemand,« flüsterte Käte ganz leise, und es war Angst und zugleich zitterndes Frohlocken in ihrer Stimme. »Die Mutter kümmert sich nicht – wer weiß, wo die hin ist?! Ob sie kommt?!« Spähend sah sie umher, reckte den Kopf nach allen Seiten, um ihn dann mit einem Seufzer der Befriedigung wieder auf das Kind herabzuneigen.
Was gehörte dazu für ein unverzeihlicher Leichtsinn – nein, was für eine unsagbare Roheit, solch ein Würmchen hier preiszugeben! Wenn sie nun ein paar Stunden, nur eine Stunde später gekommen wären?! Da konnte es bereits von einer Schlange gebissen, am Ende gar von einem Wolf zerrissen worden sein!