Er glaubte sich kaum je in einer unangenehmeren Stimmung befunden zu haben. Er ärgerte sich über den Vater, ärgerte sich über die Mutter – wenn sie nicht wären, wie sie eben waren, wenn nicht alles so wäre, wie es eben war, dann hätte er nicht zu lügen brauchen, nicht zu heucheln! Er ärgerte sich über sich selber. Ach, dann wäre ihm jetzt wohl leichter, viel freier! Im Unwillen zog er die Stirn zusammen; eine jähe Sehnsucht nach etwas, das er nicht zu benennen wußte, machte ihn erbeben. Was wollte er denn, nach was verlangte er denn? Ja, wenn er das selber wüßte!
Er seufzte laut auf und streckte die Arme mit den kräftigen Fäusten hinaus in die Nacht. So eng, so eng! Wenn er doch noch der Junge wäre, der hier einmal aus dem Fenster, ja, aus diesem Fenster – er beugte sich hinaus und maß die Höhe –, hinausgeklettert war, fortgerannt war, heidi, ohne Fragen wohin, immer zugerannt war, einfach ins Blaue, ins Weite hinein. Das war prachtvoll gewesen, ein seliges Laufen!
Und immer weiter beugte er sich hinaus; der Nachtwind raunte, das war wie eine lockende Melodie. Er zitterte vor Begier. Er konnte sich nicht losreißen, er mußte am Fenster stehen bleiben und lauschen. Das säuselte in der Nacht, das rauschte in den Bäumen, das schwoll und schwoll, wuchs und wuchs. Das Säuseln wurde zum Sausen.
Er vergaß, daß hier eine Stube war und hier ein Haus und hier Eltern, die gern schlafen wollten, er stieß einen Ton aus, einen lauten Ruf, halb ein Juchschrei: da draußen war’s gut, ha!
Sturm. Der plötzlich aufschnaubende Gewitterwind pustete ihm ins Haar und sträubte es ihm um die Schläfen. Ha, wie köstlich das kühlte! Es war drinnen nicht auszuhalten, da war eine Dumpfheit, eine Enge. Ihm wurde so ängstlich bang. Wie sein Herz hämmerte! Und die Unlust war groß: wie war das heute abend wieder unangenehm gewesen! Der Vater sagte, er hätte es ihm eingestehen müssen – natürlich, richtiger wäre es gewesen –, aber wenn der jetzt schon, nachdem die Sache doch eigentlich erledigt war, so drohte, was hätte er dann erst vorher gesagt?! Nicht zum Aushalten war’s, dies ewige Gegängeltwerden! War man etwa noch ein Kind? War man ein erwachsener Mensch, oder war man’s nicht? War man der Sohn aus reichem Hause oder war man’s nicht? – Nein, nicht! Man war’s eben nicht!
Fern im Dunklen grollte der Donner. Es zuckte plötzlich ein blendender Strahl – er war’s eben nicht, nicht der Sohn, nicht der Sohn hier vom Haus! Sonst wäre alles anders! Wie, wußte er nicht – aber anders, o, ganz anders!
Lange hatte Wolfgang nicht nachgedacht – die Tage waren zu reich an Zerstreuung –, aber nun, in dieser dunklen, gewitterigen Nacht, in der er doch nicht schlafen konnte, mußte er denken. Was er immer von sich geschoben hatte, weil’s ihm nicht angenehm war, was er ganz vergessen zu haben glaubte – vielleicht, weil er’s gern vergessen wollte – das mußte er jetzt bedenken. Das, was so lange zurückgedrängt gewesen war, das brach jetzt durch, mit Macht, wie der Sturmwind, der plötzlich daherfuhr und die Wipfel der Kiefern beugte, daß sie niederduckten vor Angst. In das Brausen des Sturmes hinein hätte Wolfgang seine Stimme ertönen lassen mögen, viel lauter als der.
Er war wütend, ganz unvernünftig wütend, ganz ohne Überlegung wütend. Hei, wie das blitzte, krachte, grollte, brauste und schnob! Das war ein Kampf – aber das war doch schön! Er hob sich auf den Zehen und gab die hämmernde Brust dem starken Wehen preis. Gleiche Lust hatte er kaum je empfunden, wie jetzt bei diesen Windstößen, die seine Brust wie mit Fauststößen trafen. Er warf sich ihnen entgegen, er fing sie förmlich auf mit seiner breiten Brust.
Und doch war bei der Lust eine Qual. Gegenüber diesem großen Gewitter, das ihm wurde wie ein Ereignis, dünkte ihn alles andere erbärmlich klein, und er selber mit. Da stand er nun, in Rock und Beinkleidern, die Hände in den Hosentaschen, klimperte mit dem losen Gelde, ärgerte sich darüber, daß er sich hatte abkanzeln lassen, und hatte doch nicht den Mut, alles von sich zu werfen, ganz zu tun, wie ihm beliebte.
Mit glühenden Augen folgte der junge Mensch dem gelben und blauen Zucken der Blitze, die den dunklen Wetterhimmel spalteten in schneidendem Zickzack und die Welt übergossen mit blendendem Zauberlicht. Wer doch hinfahren könnte wie dort der Blitz! Der fuhr aus den Wolken hinab zur Erde, riß ihr den Schoß auf und wühlte sich hinein!