Sie mußte doch geschlafen haben, ohne daß sie es wußte: wie, schon der Morgen da?! Nun war sie auch sicher, daß er längst zu Hause war, sie hatte sein Kommen eben überhört. Das beruhigte sie. Aber sie zog sich doch eilig an, flüchtiger als sonst, und sie konnte es doch nicht lassen, ehe sie zum Frühstück hinunterging, an seiner Türe stillzustehen und zu lauschen. Er war noch nicht auf – natürlich noch nicht, er war ja so spät nach Hause gekommen – noch schlief er! Sie konnte einmal heimlich nach ihm sehen. Sie trat ein, aber er schlief nicht.

Mit ganz wirren Augen blickte die Frau aufs Bett – da stand es, aufgeschlagen, einladend weiß und behaglich, aber er lag nicht darin. Das Bett war gar nicht berührt! Leer das Zimmer!

Da erstarrte ihr das Herz in eisigem Schreck: sie hatte doch nicht geschlafen, sie hatte sein Kommen doch nicht überhört! Dazumal war er gekommen – betrunken freilich, aber er war doch noch nach Hause gekommen –, dieses Mal nicht mehr!


3

»Wolfgang wieder nicht da?« sagte Schlieben, als er zu seiner Frau ins Zimmer trat. »Ins Geschäft kommt er auch so wenig; sie behaupten zwar immer, gerade wäre er dagewesen – warum hält er aber nicht dieselbe Geschäftszeit ein wie ich?! Wo ist er denn?!« Er sah seine Frau fragend und ungeduldig an.

Sie zuckte die Achseln, und das Abendrot, das im Scheiden noch einen letzten Schimmer durch das hohe Fenster warf, gab ihrer Wange ein überhuschendes Rot. »Ich weiß es nicht,« sagte sie leise. Und dann sah sie so verloren hinaus in den Herbstabend, daß der Mann fühlte, sie war mit ihren Gedanken ganz abwesend, die irrten draußen suchend umher.

»Käte,« sagte er ein wenig empfindlich, und der Ärger, den er über des Sohnes Abwesenheit empfand, mischte dem Ton noch eine besondere Schärfe bei, »ich bin eben aus der Stadt nach Hause gekommen – müde, hungrig, es ist ja schon acht Uhr – wir wollen essen. Und nicht mal ein freundliches Gesicht?!«

Sie stand rasch auf, um nach dem Abendbrot zu klingeln, und versuchte zu lächeln. Aber es wurde kein rechtes Lächeln.

Er sah’s, und das verstimmte ihn noch mehr. »Laß nur, laß! Tu dir keinen Zwang an!« Müde setzte er sich zu Tisch. Aber sein Hunger schien doch nicht so rege zu sein, denn als die Speisen aufgetragen waren und vor ihm dampften, langte er nur lässig zu und aß lässig, ohne zu wissen, was.