Das Eßzimmer war viel zu groß für die zwei einsamen Menschen; ungemütlich leer erschien heute an dem kühlen Herbstabend der schöne Raum. Fröstelnd schauerte die Frau zusammen.
»Wir müssen die Heizung in Gang bringen lassen,« sagte der Mann.
Das war das einzige, was während des Essens gesprochen wurde. Nachher stand Schlieben auf, um in sein Arbeitszimmer hinüberzugehen. Dort wollte er rauchen, dort war’s kleiner, gemütlicher; er bemerkte es nicht, daß seine Frau ihn förmlich mit den Blicken verfolgte.
Wenn Paul ihr doch nur sagen möchte, was er von Wolfgangs Ausbleiben dachte! Wo Wolfgang nur wieder sein mochte?! Sie vertiefte sich ganz in ihre suchenden, irrenden Gedanken und merkte es kaum, daß sie allein blieb in dem kalten, leeren Zimmer.
Sie hatte ein Buch vor sich liegen, ein Buch, das alle Welt interessant fand – eine Bekannte hatte ihr gesagt: ›Ich konnte gar nicht aufhören damit, ich hatte so viel im Kopf, aber ich habe alles drüber vergessen,‹ – sie vergaß nichts darüber. Wie in einem großen Kummer, der dumpf macht, fühlte sie sich. Noch stumpfer, abgestorbener gegen alles Äußere, wie damals nach dem Tode ihres Vaters und ihrer Mutter. Gerade in diesen Trauerjahren hatte sie so viel gelesen, so mit besonderem Interesse, als seien ihr alte Dichtwerke neu geschenkt und neue eine tröstende Offenbarung. Nun konnte sie nichts lesen, den Gedanken eines andern nicht folgen. Sie klebte an ihren eignen Gedanken; ihr Auge überflog wohl die Seite, aber wenn sie unten angelangt war, wußte sie nicht, was sie gelesen hatte. Es war ein unerträglicher Zustand. Ach, wie gern, wie gern wollte sie sich für etwas interessieren! Was gäbe sie darum, könnte sie doch einmal recht herzlich lachen; früher hatte sie nie die gleiche Sehnsucht gehabt nach Frohsinn, Heiterkeit und nach Humor. Ah, welche Erlösung wäre es für sie gewesen, hätte sie lachen und weinen können! Jetzt konnte sie nicht lachen, aber – ach! – auch nicht mehr weinen, und das war das schlimmste: ihre Augen blieben trocken. Jedoch innerlich brannten die ungeweinten Kummertränen und fraßen an ihrem Leben mit dem unvergossenen salzigen Naß.
Nein, der Tod war das schrecklichste nicht! Es gab Schrecklicheres. Es war schrecklich, wenn man sich sagen mußte: all dein Leid hast du dir selber heraufbeschworen. Warum ließest du dir nicht genügen, warum mußtest du erzwingen, was die Natur dir versagte?! Es war schrecklicher, wenn man fühlte, wie häusliches Glück, eheliches Glück, Liebe, Treue, Einigkeit, wie all das, was zwei Menschen innig zusammenhält, ins Wanken geriet – fühlte sie’s denn nicht alle Tage, wie ihr Mann kälter und kälter wurde, und wie auch sie gleichgültiger gegen ihn ward?! Ach, der Sohn, dieser Dritte, der brachte sie zwei auseinander! O, wie kläglich fielen alle ihre Theorieen von Erziehung, Beeinflussung, vom Geboren werden im Geiste über den Haufen! Wolfgang war doch nicht das Kind, in dem sie beide sich mit Leib und Seele einten – er war und blieb fremdes Blut. Und er hatte eine fremde Seele. Armer Sohn!
Im Herzen der Frau, die tage-, wochen-, monate-, die jahrelang nichts als Bitterkeit und Kränkung, sogar manchmal etwas wie Empörung gegen den empfunden hatte, der ihre Tage also verstörte, keimte plötzlich ein einsichtsvolles Mitleid. Wie konnte sie ihm, den es nicht mit hundert Banden ans Elternhaus fesselte, so sehr zürnen?! Es war eben nicht sein Elternhaus. Unbewußt mochte er es fühlen, daß der Boden hier für ihn nicht Heimatboden war – nun suchte er, nun irrte er!
Den Kopf schwer in die Hände stützend, grübelte Käte: was sollte sie beginnen? Sollte sie ihm gestehen, woher er kam? Ihm alles erzählen? Vielleicht daß es dann besser wurde! Ach, würde es besser, so würde sie gern alles tun! Aber ach, es war so schwer! Doch es mußte sein. Sie durfte nicht länger schweigen! Sie fühlte ihr zitterndes Herz erstarken in einem festen Entschluß: wenn er nach Hause kam, würde sie sprechen. Was sie gehütet hatte als größtes Geheimnis, über dem sie zitternd gewacht hatte, was ihr, wie sie glaubte, nichts hätte entreißen können, das war sie nun bereit, freiwillig zu offenbaren. Sie mußte. Wie konnte es sonst je besser werden, wie je zu gutem Ende kommen, überhaupt zu einem Ende?!
Mit inbrünstigem Suchen schauten ihre Augen um sich; es war ein angstvolles Blicken in ihnen. Aber da war kein andrer Ausweg. Mit einer Entschlossenheit, deren Käte Schlieben vor einem Jahr noch nicht fähig gewesen wäre, bereitete sie sich auf das Geständnis vor. Einen Augenblick kam ihr der Wunsch, sich Paul zu Hilfe zu rufen. Aber rasch verwarf sie den Gedanken – hatte er denn Wolfgang je so geliebt wie sie? Es würde ihm vielleicht gleichgültig sein. Oder nein, es würde ihm vielleicht ein Triumph sein, er war ja immer andrer Meinung als sie gewesen. Und dann, noch eins! Er könnte ihr dann vielleicht zuvorkommen, es selber Wolfgang sagen, und das durfte nicht sein. Sie, sie allein durfte das mit all der Liebe, deren sie noch fähig war, damit er’s weich hörte, schonend und zart!
Hastig lief sie hinüber in ihren Salon. Da bewahrte sie in ihrem Schreibtisch seinen Taufschein und die Abtretungsurkunde aus seinem Heimatdorf; diese Papiere hatte sie selbst ihrem Manne nicht anvertraut. Nun holte sie sie hervor und legte sie bereit. Sie würde ihm doch zeigen müssen, daß alles sich so verhielt, wie sie sagte!