Die Papiere knitterten unter ihren zitternden Händen, aber sie zwang ihre Aufregung nieder. Ruhig mußte sie sein, ganz ruhig und verständig; in vollem Bewußtsein dessen, was sie tat, das Luftschloß umstoßen, das sie sich erbaut hatte und das nicht so geworden war wie in ihren Träumen. Aber wenn auch dieses Luftschloß zusammenfiel, konnte nicht aus seinen Trümmern etwas gerettet werden, doch noch etwas Gutes erstehen?! Er würde ihr ja dankbar sein, er mußte ihr ja dankbar sein. Und das war das Gute!

Sie faltete die Hände über den Dokumenten aus grobem Papier, und aus ihrer Brust stiegen bebende Seufzer, die wie flehende Gebete waren. Gott hilf, Gott hilf!

Wenn er sie aber nun nicht richtig verstünde, wenn sie vielleicht nicht die Worte fand, die man finden mußte?! Wenn sie ihn dadurch verlieren würde?! Ein Schreck überfiel sie, sie erblaßte und griff tastend um sich, wie jemand, der eine Stütze braucht; aber sie hielt sich aufrecht: dann lieber ihn verlieren, als daß er sich verlor!

Denn – und Tränen, wie sie sie lange, lange nicht mehr hatte vergießen können, tropften ihr erlösend aus den Augen – denn sie liebte ihn doch noch, liebte ihn mehr, als sie es selber für möglich gehalten hätte.

So wartete sie auf ihn. Und wenn sie warten sollte bis morgen früh, und wenn er wieder betrunken nach Hause käme – betrunkener noch als das erste Mal – sie würde ihn doch erwarten. Heut noch mußte sie es ihm sagen! Es brannte förmlich in ihr.

Schlieben war längst zur Ruhe gegangen; er war ärgerlich auf seine Frau, hatte nur flüchtig den Kopf in ihr Zimmer gesteckt, hatte genickt: »Gute Nacht« und war hinaufgegangen. Sie aber ging mit langsamen Schritten unten im Zimmer auf und ab; das ermüdete sie körperlich, gab aber ihrem Geist Ruhe und dadurch Kraft. –

Als sei ihre zarte Gestalt gewachsen, so gerade und aufrecht trat sie in der Vorhalle Wolfgang entgegen, als sie ihn hatte die Haustür schließen hören. Das Haus schlief mit allen, die darinnen waren, nur er und sie waren noch wach; so allein, so ungestört waren sie sonst nie mehr auf der Welt. Jetzt galt’s!

Und sie gab ihm die Hand, wie sie es sonst nicht getan hätte, wäre er so spät gekommen – Gott sei Dank, er war nicht betrunken! – und näherte ihr Gesicht seinem Gesicht und küßte ihn auf die Wange: »Guten Abend, mein Sohn!«

Er war wohl etwas verdutzt über diesen Empfang, aber seine dunkelumrandeten und tiefliegenden Augen sahen gleichgültig an ihr vorbei.

Er war entsetzlich müde – man sah es ihm an – oder war er krank?! Aber das würde ja alles, alles nun bald besser werden! Mit erwachter Hoffnungsfreudigkeit ergriff Käte wiederum seine Hand und zog ihn hinter sich her in ihr Zimmer hinein.