Da stand sie – er schlief schon, oder wenigstens schien er zu schlafen. Ein paar Minuten noch verweilte sie bang – würde er, mußte er sich nicht wieder nach ihr wenden: ›erzähle, jetzt höre ich!‹ Aber er wendete sich nicht.
Da schlich sie aus dem Zimmer wie ein armer Sünder. Zu spät, zu spät! Sie hatte zu spät gesprochen, und nun wollte er nichts mehr hören, nun gar nichts mehr davon wissen!
In ihrer Seele schmerzten die Worte ›zu spät‹ in ihrer stumpfen Trostlosigkeit wie eingebrannt.
Käte hatte nicht mehr den Mut, auf das, was sie Wolfgang in dieser Nacht hatte gestehen wollen, noch einmal zurückzukommen. Wozu auch? Sie hatte das lebhafte Gefühl: ihm war nicht mehr beizukommen, nicht mehr zu helfen. Sie aber fühlte sich niedergedrückt wie durch eine unermeßliche Schuld. Und das Gefühl dieser schweren Schuld machte sie milder gegen ihn, als sie es sonst gewesen wäre; es hieß sie, sein Tun und Lassen zu beschönigen, vor sich selber und vor ihrem Manne.
Schlieben war sehr unzufrieden mit Wolfgang. »Wenn ich nur wüßte, wo er sich immer herumtreibt! Er ist doch nachts zu Hause – wie?!«
Ein unwillkürlicher Laut seiner Frau hatte ihn unterbrochen, nun sah er sie forschend an. Aber sie verzog keine Miene, nickte nur: »Ja!« Da verließ sich der Mann auf seine Frau. –
Nun waren die letzten Tage des scheidenden Herbstes da, die oft noch so warm sind und golden, goldener als der Sommer sie je gewährt. Um vor dem Winter sich noch einmal in Luft und Sonne zu baden, strömte alles hinaus in den Grunewald. Als sei alle Tage Sonntag, so drängten sich die Spaziergänger in Hundekehle und Paulsborn, bei Onkel Tom und in der Alten Fischerhütte. Überall Lachen, oft auch Musik, und Mädchen in hellen Kleidern, in letzten, noch nicht ganz vertragenen Sommertoiletten. Kinder lärmten jetzt weniger durch den Wald wie zur Sommerszeit, es dunkelte jetzt bereits zu früh; desto mehr Pärchen wandelten, denen der frühe und doch noch warme Dämmerschein köstliche Gelegenheit bot, ihre Zärtlichkeiten zu tauschen, und alte Leute, die noch einmal die Sonne genießen wollten, ehe vielleicht bald die Nacht für sie kam, der kein Morgen mehr folgt.
Schlieben hatte es in früheren Jahren immer verabscheut, an solchen Tagen, in denen es im Grunewald wimmelte, sein Haus und seinen Garten zu verlassen. Es war ihm unangenehm gewesen, den Staub des Gewühls zu schlucken. Jetzt war er weitherziger: warum sollten die Leute, die sonst immer in ihre engen Wohnungen gebannt waren, nicht auch einmal hier draußen sein und für Stunden wenigstens den Kiefernduft einatmen, den sie, die Bevorzugten, alle Tage genossen? Es war doch etwas Schönes darum, zu sehen, wie die Menschen sich freuen!
Sowohl aus eignem Antrieb, wie um Käte zu zerstreuen, die ihm in letzter Zeit noch ernster und merkwürdig in sich gekehrt vorkam, bestellte er einen Wagen, einen bequemen Landauer, und fuhr mit seiner Frau spazieren. Sie fuhren die bekannten Straßen, die den Grunewald durchziehen, stiegen auch zuweilen aus, wenn der Wagen langsamer durch den Sand mahlte, und gingen auf dem, durch gefallene Nadeln glatt gemachten und festgetretenen Fußpfad ein Stückchen nebenher.