Sie kamen nach Schildhorn. Über dem Wasser lag roter Abendschimmer; die Sonne war nicht mehr im vollen Glanz zu sehen, ein dämmernder, melancholischer Friede lag über der Havel und den Kiefern. So tief hatte Käte dieser Wald noch nie gedeucht. Es fröstelte sie plötzlich: ah, dort drüben lag ja auch der Friedhof der Selbstmörder! Sie mochte nicht hinsehen, nervös preßte sie die Augen zu. Vor ihren Blicken hatte plötzlich ein junger Bursch gestanden – jung und frisch und doch schon verdorben – mancher Mutter Sohn!

Schaudernd wollte sie rasch vorüber, und doch zog es ihren Fuß unwiderstehlich hin zu dem im Wehsand eingehegten Fleck. Sie konnte nicht anders, sie mußte stehen bleiben. Sinnend ruhte ihr Blick auf den so wenig schönen, ungepflegten Gräbern: ob sie denn Frieden gefunden hatten, die hier ruhten?! Ein paar grüne Zweige und ein paar Blümchen, die sie unterwegs gepflückt hatte, entsanken ihrer Hand. Der abendliche Wind wehte sie aufs nächste Grab; da ließ sie sie liegen. Ihr war unendlich weh ums Herz.

Paul rief: »Käte, so komm doch! Der Wagen wartet ja längst auf uns!«

Bis tief ins Innerste war sie verstimmt. Befürchtungen und Ahnungen, von denen sie niemand sagen konnte, drangen auf sie ein. Wolfgang war leichtsinnig – aber schlecht?! Nein, schlecht war er nicht – noch nicht! O Gott, nein, das wollte sie doch nicht denken, schlecht nicht! Aber wie sollte es werden? Wie enden?! Gut konnte es nicht mehr werden, nie – wie sollte es auch?! Da müßten ja Wunder geschehen, und Wunder geschehen nicht mehr zu diesen Zeiten!

Helles Lachen schreckte sie auf. Im Restaurationsgarten waren alle Tische besetzt; hier war so viel Jugend, und so viel leichter Sinn, und hier waren so viele Liebespaare. Sie waren wieder in ihren Wagen gestiegen und fuhren jetzt langsam am Restaurationsgarten vorüber und sahen so all die hellen Blusen und die bunten Blumenhüte, all den Putz des kleinen Bürgerstandes.

Horch, wieder das helle Lachen! Ein lautes Mädchenlachen, so recht frei heraus, und nun ein: ›Oho, fangt sie, kß, kß‹ – bei dem Käte wie erstarrt den Atem anhielt. Sie wurde ganz schwach, alles Blut wich ihr vom Herzen fort: das war ja Wolfgang! Ihr Wolfgang!

Da sprang er in großen Sätzen hinter einem Mädchen her, das, aufjuchzend, vor ihm über den Weg floh und jenseits hinein in den Wald lief zwischen die Stämme. Er jagte hinter ihr drein. Einen Augenblick noch sah man das helle Mädchenkleid und Wolfgangs fliegenden Schatten um die Kiefern wischen, dann erblickte man nichts mehr von ihnen. Aber er mußte sie erreicht haben, man hörte jetzt ihr gellendes Aufkreischen und sein Lachen; beides trieb Käte das Blut in die Wangen. Das klang ihr beleidigend, klang ihr gemein. Also so, so weit war er gekommen, trieb sich hier mit solchen, solchen – Personen umher?! Aha, da kamen ja noch ein paar andre nach, die gehörten auch zur Gesellschaft! Ein vierschrötiger Mensch mit rotem, pausbackigem, sehr erhitztem Gesicht lärmte mit Hallo hinter dem verschwundenen Paar drein, und ein schmächtiger Schlingel, der zuletzt kam, lachte so recht verschmitzt-spitzbübisch.

›Paul, Paul,‹ wollte Käte aufschreien, ›Paul, sieh nur, sieh!‹ Aber dann schrie sie doch nicht und rührte sich nicht. Da war ja nichts mehr zu ändern! Ganz stumm lehnte sie in ihrer Wagenecke: das hatte sie ja gewollt, sie durfte nicht klagen. Ach, hätte sie ihn doch gelassen, wo er war! Jetzt mußte sie schweigen, beide Augen zudrücken, tun, als hätte sie nichts gesehen!

Aber alles war ihr verleidet. Und als ihr Mann ihr in einer Lücke der Kiefernwipfel den schwimmenden Mond im lichtgrauen Äther wies und rechts dabei den freundlichen, ruhig leuchtenden Stern, hatte sie auf sein entzücktes: »Ist das nicht schön?« nur ein kühl-zustimmendes: »O ja!«

Das verstimmte ihn. Welche Freude hatte sie sonst an der Natur gehabt, die größte und reinste Freude, nun auch das nicht einmal mehr! Auch dieses hin?! Alles hin! Er seufzte.