Und jedes von ihnen, in eine Ecke des Wagens gelehnt, verharrte in Schweigen. Mit trüben Augen schauten sie beide in die tiefer und tiefer sinkende Dämmerung. Es wollte Abend werden, der Tag – auch ihr Tag – hatte sich geneiget. –

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Wolfgang hatte mit Frida Lämke, deren Bruder und Hans Flebbe eine längst geplante Landpartie unternommen. Frida hatte sich für den Nachmittag im Geschäft freigemacht; ausnahmsweise, und weil sie etwas unabweisbar Dringendes vorschützte, gelang es ihr, abzukommen. Nun war sie aber auch wie losgelassen, voller Übermut: ha, war das fein, ha, wollten sie sich mal amüsieren! Wolfgang hatte eine Droschke spendiert; er und Frida im Fond, die beiden andern ihnen gegenüber auf dem Rücksitz, so hatten sie eine Rundfahrt durch den grünen, grünen Wald gemacht, hatten dieses Lokal besucht und jenes, waren Karussell gefahren und Boot und hatten in der Würfelbude gewürfelt. Wolfgang war sehr galant, Frida durfte immer noch mal; eine Butterdose von blauem Glas, eine Glanzpapierdüte mit Pfeffernüssen, vor allem aber ein kleiner Piepmatz in einem winzigen Holzgitterkästchen machten sie selig. Alles das durfte Hans nun tragen, während sie auf dem Nachhauseweg, den sie von Schildhorn zu Fuß antraten, sich mit Wolfgang jagte und neckte. Der Bräutigam störte weiter nicht. Hans hatte von Anfang an darauf verzichtet, seine Frida am Arm zu führen; man hätte sie dreist für das Verhältnis des eleganten jungen Herrn halten können. Aber als sie nun ganz außer Atem, rot und zerzaust war und die Dämmerung des Abends, der hier innen zwischen den dichten Stämmen schon eher dunkelte als draußen, ihr ein kleines Gruseln und ein wonniges Sich-erschrecken einjagte, hing sie sich doch wie selbstverständlich an den Arm ihres Hans. Sie blieben ein wenig zurück.

Nun war Wolfgang allein, denn Artur rechnete er nicht, obgleich der neben ihm her über die Wurzeln stolperte und schrill pfiff. Und Wolfgang beneidete den dicken Hans, über den sie heute, seine Braut am meisten, so viel gelacht hatten; auch er hatte das Bedürfnis, jetzt ein Mädchen am Arm hängen zu haben. Das brauchte nicht einmal so niedlich wie Frida zu sein – wenn’s nur ein Mädel war! Die Dämmerung des Waldes, die so wohlig war und verschwiegen, lud förmlich ein. Und vom Boden, der so mager war, lauter Sand, stieg heute abend doch ein sattes Duften auf, ein reichliches Gewähren. Wolfgang fühlte sich lebens- und liebeshungrig, gierig nach Freude, nach Genuß. Hätte er jetzt Frida neben sich gehabt, bei beiden Armen hätte er sie gepackt, sie an sich gerissen, blitzschnell ihr den Mund mit Küssen verschlossen und sie nicht mehr losgelassen.

Er konnte nicht mehr an sich halten, er mußte wenigstens Artur packen und mit ihm dahinwalzen durch den sandigen Waldboden, daß dem aufgeschossenen Jungen, der heute schon zu so und soviel Kunden gelaufen war, um sie zu rasieren, Hören und Sehen verging. Die übrigen Spaziergänger blieben stehen: das war ihnen nichts Neues auf Landpartieen, wenn’s nicht größeren Unfug gab! Sie amüsierten sich, und als Wolfgang zum Schluß den Partner mit einem lauten Juchhe in die Höhe hob und ihn ein paar Mal um sich herumschwenkte, klatschten sie Beifall.

Wolfgang war nun doch sehr außer Atem. Als sie zum Walde hinaus waren, mußten sie langsamer gehen; jetzt, in bewohnteren Regionen – schon tauchten die eleganten Landhäuser auf – hätte man Menschen tottreten können. Das war eine Fülle! An der Abfahrtstelle der elektrischen Bahn drängte und drückte es sich. Sie stellten sich auch auf: das war ein Spaß, zu sehen, wie die Leute, die gerne mitkommen wollten, sich pufften. Es war noch leidlich hell und warm wie im Sommer, aber rasch würde es ganz dunkel sein, und je später, desto größer der Ansturm. Lachend standen die beiden und sahen dem Drängen gelassen zu: was machte es ihnen aus, wenn sie nicht mitkamen, sie liefen eben das Stückchen zu Fuß weiter bis nach Hause.

Wolfgang fühlte sein Herz heftig pochen – es hatte ihm doch zu viel Spaß gemacht, mit Frida zu tanzen! In einem Lokal, in dem im angebauten Brettersaal ein Klavierspieler aufs Klavier paukte, hatte er Frida ein paar Mal ordentlich herumgeschwenkt, und auch noch ein paar andre Mädchen, die verlangend nach dem stürmischen Tänzer gesehen hatten. Es war eine Lust gewesen. Noch fühlte er den Nachhall davon in sich zittern, seine Brust hob und senkte sich unruhig – hei, so ein Mädchen im Arm sich herumschwenken, lustig sein! Wundervoll, es war alles so wundervoll!

Die Zähne zusammenbeißend, um nicht durch einen lauten, jubelnden Aufschrei die Blicke auf sich zu lenken, bebte Wolfgang innerlich vor ungebändigter Lebenslust. Ha, das wäre fein, ha, das wäre eine Wohltat, jetzt irgendeine Dummheit begehen zu können! Er überlegte: was gab man jetzt nur an?!

Da störte ihn ein Husten. Wie hohl das klang, als sei inwendig alles lose! Der junge Mann, der hinter seinem breiten Rücken stand, mochte wohl eine Weile so gehustet haben – er hatte es nur nicht beachtet – nun ekelte ihn vor dessen Auswurf. Unwillkürlich wich er zur Seite: pfui, wie hustete dieser Mensch!