Mußte dem scheußlich zumute sein, seinen Jungen so zu sehen, dachte Wolfgang. Sterben überhaupt, sterben, wie schrecklich! Und wie der Mann seinen Sohn liebte! Das hörte man am Ton, sah man an den Blicken!
Wolfgang war froh, nach der Droschke umherrennen zu können. Es war jetzt schwer, eine zu bekommen, er rannte sich völlig außer Atem. Endlich hatte er einen Wagen. Wie er am Halteplatz der elektrischen Bahn anlangte, war Herr Kullrich bereits völlig verzweifelt. Er hatte die Hoffnung schon aufgegeben gehabt, und der Sohn hatte sehr viel gehustet.
Jetzt löste er sich fast auf in Dankbarkeit. Der einfache Mann – er war ein Subalternbeamter und hatte es gewiß nicht dazu – versprach dem Kutscher ein reiches Trinkgeld, wenn er sie nur rasch nach Halensee, Ringbahnstraße 111, fahren wollte. Er hüllte den Sohn in die Decke, die auf dem Rücksitz lag; der Kutscher gab noch eine Pferdedecke zu, Wolfgang wickelte dem Schulkameraden die Beine ein.
»Danke, danke,« sagte Fritz Kullrich matt; er war jetzt ganz abgefallen.
»Besuchen Sie uns doch mal, Herr Schlieben,« sagte der Vater und drückte dem Retter die Hand. »Fritz würde sich freuen. Und ich bin Ihnen ja so dankbar!«
»Aber komm bald,« sprach der Sohn und lächelte wieder sein seltsames Lächeln. »Adieu!«
»Adieu!« Wolfgang stand und starrte hinter dem rasch davonrollenden Wagen drein – da fuhr der Kullrich! Seiner Mutter nach.
Die frohe Laune Wolfgangs war verflogen. Als die Genossen des Nachmittags mit Hallo nach ihm suchten – Hans mußte seine Frida ordentlich abgeküßt haben, das Hütchen saß ihr schief, ihre Augen glänzten verliebt –, machte er sich rasch von ihnen frei. Er sagte ihnen kurz Adieu und ging allein. Der Tod hatte ihn gestreift. Und ein altes Lied, das er, unter so vielen anderen, einst mit Cilla, dem Mädchen seiner Kindheit, gesungen hatte, schoß ihm urplötzlich durch den Sinn. Jetzt verstand er zum ersten Mal die tiefere Bedeutung:
›Prahlst du gleich mit deinen Wangen,
Die wie Milch und Purpur prangen,