Nach und nach versiegten diese Theatereinladungen, die meist so hübsch mit einem Plauderstündchen in irgend einem Bier- oder Weinlokal geendet hatten. Frida sah den Freund überhaupt jetzt selten, nie mehr holte er sie an ihrem Geschäft ab, und in der Wohnung der Mutter ließ er sich auch nicht mehr sehen.

»Wer weeß ooch,« sagte Mutter Lämke, »ob er sich nich bald verloben tut. Er hat gewiß eene uf ’n Kieker!«

Frida warf die Lippen auf, sie schmollte, daß Wolfgang sich gar nicht sehen ließ. Was hatte er bloß?! Sie fing an, ihm nachzuspionieren; aber nicht nur aus Neugier.

Und noch eine andre forschte seinen Wegen nach – das war die Mutter. Wenigstens versuchte sie, ihm nachzuforschen. Aber nur das brachte sie in Erfahrung, daß man ihn einmal in einem der kleinen Theater mit einer hübschen Person gesehen hatte, einer Blondine, die recht auffallend frisiert gewesen war. Ah, das war dieselbe von Schildhorn! Noch immer sah sie das blonde Haar im scheidenden Abendlicht glänzen – die war sein Unheil!

Mit einem Spürsinn, der einem Polizisten Ehre gemacht hätte, forschte die Mutter dem Sohne nach. Hätte Schlieben eine Ahnung davon gehabt, wie oft, zu allen Tages- und Abendzeiten, seine Frau um Wolfgangs Wohnung strich, er wäre dem auf das entschiedenste entgegengetreten. Der brennende Drang, von Wolfgang zu hören, von ihm zu wissen, ließ Käte die eigene Würde vergessen; mehr als einmal ging sie, während sie ihn abwesend wußte, hinauf in seine Wohnung, angeblich, um ihm dieses oder jenes zu bringen. Aber war sie dann allein – die schwatzhafte Wirtin wußte sie sich vom Halse zu halten –, so fuhr sie mit forschenden Augen in beiden Zimmern umher, spähte auf seinen Schreibtisch, wendete sogar jedes Blättchen Papier. Sie kam hier oben gar nicht zur Besinnung ihres Tuns, ging sie aber wieder die Treppe hinab, dann kam ihr das Gefühl eigner Erniedrigung; sie wurde rot und schämte sich vor sich selber und schwor sich’s zu mit hundert Eiden, dies nie, nie wieder zu tun. Und tat es doch wieder. Es war ihr eine Qual, und sie konnte es doch nicht lassen.

An einem kalten Wintertag war es – schon Abend, nicht spät für Berliner Begriffe, aber doch immerhin schon Ladenschluß, und Theater und Konzerte hatten längst begonnen – als Frau Schlieben noch in der Wohnung ihres Sohnes saß. Acht Tage war er nicht draußen bei ihr gewesen – warum nicht?! Eine große Unruhe hatte sie heute plötzlich gepackt, sie hatte hin zu ihm müssen. Ihr Mann wähnte sie in der Hauptmann-Premiere – dahin konnte sie ja auch noch später gehen – Wolfgang mußte jetzt doch gleich nach Hause kommen! Auf ihr fragendes Briefchen hatte er geantwortet: er sei erkältet und halte sich abends zu Hause. Nun, sie wollte es ja auch gar nicht, daß er zu ihr hinauskam und sich noch erkältete, aber es war wohl natürlich, daß sie nun einmal nach ihm sah! Sie machte sich selber etwas vor.

Und so wartete sie und wartete. Die Zeit verstrich sehr langsam. Gegen sieben Uhr war sie gekommen, jetzt war es bereits neun. Zum so und sovielten Male hatte sie die beiden Zimmer durchmustert, am Fenster gestanden, zerstreut auf das Straßengewühl hinabgeblickt, sich hingesetzt, sich wieder erhoben und wieder hingesetzt. Jetzt ging sie in rastloser Unruhe auf und nieder. Die Wirtin war schon ein paar Mal hereingekommen und hatte sich drinnen zu schaffen gemacht; die neugierig-forschenden Blicke wären Käte sonst lästig gewesen, jetzt achtete sie gar nicht auf diese. Noch konnte sie sich nicht entschließen, fortzugehen – wenn er krank war, warum kam er dann nicht nach Hause?! Ihre Unruhe wuchs. Es lastete auf ihr wie die Vorahnung eines nahenden Unheils. Nun mußte sie aber wirklich die Wirtin fragen – schon zehn Uhr –, kam er denn immer so spät, trotz seiner Erkältung?! Sie klingelte nach der Frau.

Diese kam, innerlich sehr gereizt: warum hatte Frau Schlieben sie denn nicht längst ins Vertrauen gezogen?! Ei, nun konnte die lange warten, die hochmütige Liese!

»Mein Sohn kommt wohl immer spät?« fragte Käte. Ihre Stimme klang gemacht ruhig: sie durfte doch solch eine Frau nicht merken lassen, wie unruhig sie eigentlich war.

»Na,« sagte die Wirtin, »mal so, mal so!«