»Ich wundere mich nur, daß er heute so spät kommt bei seiner Erkältung!«
»So – ist der junge Herr erkältet?«
Wie, die Frau, bei der Wolfgang nun schon fast ein Vierteljahr wohnte, wußte so wenig von ihm?! Und sie hatte doch versprochen, besonders gut für ihn zu sorgen! »Sie müssen ihm abends eine Wärmflasche machen. Es ist kalt hier im Zimmer.« Fröstelnd rieb sich Käte die Hände. »Und bringen Sie ihm morgens vor dem Aufstehen ein Glas Emser mit heißer Milch!«
Die Wirtin hörte sofort den gar nicht ausgesprochenen Vorwurf heraus und wurde noch gereizter. »Na, wenn er überhaupt nich nach Hause kommt, kann ich ihm doch abends keine Wärmkruke machen und morgens keine heiße Milch!«
Wie – gar nicht nach Hause kommt?! Käte glaubte nicht recht verstanden zu haben. Sie sah die Frau mit großen Augen an. »Überhaupt nicht nach Hause kommt!«
Die Frau nickte: »Ich sage Ihnen, werte Dame, möbliert vermieten ist kein Spaß, da muß man vieles mit in Kauf nehmen. So ’ne junge Herren – na, ich sage schon!« Sie lachte, halb ärgerlich, halb belustigt auf. »Da hatte ich mal einen, der blieb gleich ganze acht Tage weg – der erste war vor der Tür, ich hatte Angst um meine Miete – ich mußte nach der Polizei gehen!«
»Wo war er denn – wo war er denn?!« Kätes Stimme schwankte.
Die Frau lachte: »Na, da fand er sich denn wieder an!« Sie sah die Angst der Mutter, und ihre Gutmütigkeit siegte über ihre Schadenfreude. »Der kommt schon wieder, gnä’ Frau,« sagte sie beruhigend. »Sie kommen alle wieder. Haben Sie man keine Angst. Und Herr Schlieben ist ja auch erst zwei Tage weg!«
Zwei Tage weg – zwei Tage?! Zwei Tage war’s her, daß er auf ihr Briefchen geantwortet hatte: er sei erkältet und müsse sich zu Hause halten! Wie eine Irre sah Käte um sich, ganz verstörten Blickes. Wo war er denn gewesen, diese ganzen zwei Tage? Nicht hier und nicht bei ihr – o, bei ihr schon seit acht Tagen nicht! Im Geschäft mußte er aber noch gewesen sein, sonst hätte Paul doch darüber gesprochen. Aber wo war er die ganze übrige Zeit? Das waren doch immer nur ein paar Stunden. Und ein Tag ist lang. Und die Nächte, die Nächte! Herrgott, die Nächte, wo war er die Nächte?!
Käte hätte laut herausschreien mögen, aber die Wirtin sah sie an mit so neugierigen, harten Augen, daß sie, die Nägel der einen Hand in die Innenfläche der andern grabend, sich bezwang. Aber ihr Sprechen war nur ein Flüstern mehr: »Ist er denn seit zwei Tagen gar nicht zu Hause gewesen?«