Aber jetzt fuhr Käte zusammen, ein Tritt ließ sich auf der Kellertreppe vernehmen, bei dem die Mutter erfreut sagte: »Das ’s Frida!«

Draußen trällerte ein Liedchen – nun ging die Tür auf.

Frida Lämke trug jetzt statt des kleinen Matrosenstrohhutes ein dunkles Pelzbarett auf den blonden Haaren; der Pelz war unecht, aber sie hatte ein paar Taubenflügel an der Seite stecken, und das Mützchen saß ihr schick über dem kecken Gesicht.

In höchster Erregung stand Käte; sie war aufgesprungen und sah das Mädchen an mit brennenden Augen. Da war sie – wahrhaftig – doch gekommen! Die war hier – aber Wolfgang, wo war der?! Sie schrie förmlich das Mädchen an: »Wissen Sie, wo mein Sohn ist – Wolfgang – Wolfgang Schlieben?!«

Der überraschten Frida rosiges Gesicht wurde blaß. Sie wollte etwas sagen, stotterte, stockte, biß sich dann auf die Lippen und wurde dunkelrot. »Woher soll ich das wissen? Ich weiß doch nicht!«

»Sie wissen es wohl! Lügen Sie doch nicht!« Mit Heftigkeit faßte die Frau Frida bei beiden Armen. Ins blonde Haar hätte sie ihr greifen mögen und beim Dranreißen laut schreien: ›Mein Junge! Gib mir meinen Jungen wieder!‹ Aber sie fand nicht die Kraft, diese schlanken Mädchenarme so lange zu schütteln und zu rütteln, bis ein Bekenntnis herausgezwungen war.

Die blauen Augen Fridas hatten sie ganz offen angesehen, vollständig freimütig, wenn auch eine leise Unruhe in dem Blicke lag. »Ich habe ihn lange nicht jesehen, jnädige Frau,« sagte Frida ehrlich. Und dann ward ihr Ton leiser, eine gewisse Besorgnis lag darin: »Sonst kam er wohl, aber jetzt kommt er jar nich mehr – nich wahr, Mutter?!«

Frau Lämke schüttelte den Kopf: »Nee, jar nich mehr!« Ihr war gar nicht recht wohl zumute, das kam ihr alles so seltsam vor: Frau Schlieben hier im Keller, und was wollte die denn von Frida?! Da ging was vor, da war was nicht richtig! Aber was auch immer sein mochte, ihre Frida war unschuldig, das mußte Frau Schlieben wissen! Und so faßte sie sich denn ein Herz: »Wenn Sie etwa jlauben, jnädige Frau, daß da meine Frida mittenmank is, da irren Se sich aber! Meine Frida jeht schonst lange mit dem Flebbe – Hans Flebbe, dem Sohn vom Kutscher, er is nu Matrialist – un überhaupt, Frida is ’n anständijet Mächen – was denken Sie wohl von meiner Tochter? Herrje, det ’s aber immer so, ’n Mächen aus unserm Stande, die kann ja nich anständig sein, nee!« Die gekränkte Mutter wurde jetzt geradezu ausfallend. »Meine Frida war ’ne sehr jute Freundin von Ihren Wolfjang, un ich bin ihn ja ooch janz jut – als ich in ’n Sommer so elend war, hat er mir doch fufzig Mark geschickt, daß ich konnte nach Fangschleuse ßiehn, drei Wochen, un mir erholen – aber nu soll er mir mal wieder kommen, ’raus schmeiß ich ihn, den Bengel!« In ihrer unbestimmten Angst, daß man ihrer Frida etwas nachsagen könnte, wurde ihr blasses Gesicht heiß und rot.

Frida flog auf sie zu und faßte sie mit einem Arm um die Schultern: »Ärjere dich doch nich, Mutter! Du sollst dich doch nich aufregen, sonst schlägt’s dir wieder auf ’n Magen!«

Frida wurde jetzt ganz energisch; ihre Mutter noch immer um die Schultern gefaßt haltend, drehte sie den blonden Kopf nach Frau Schlieben: »Jnädige Frau, da müssen Sie sich schon an ’ne andre Adresse wenden. Ich kann Ihnen nichts über Ihren Herrn Sohn sagen. Mutter un ich haben noch neulich drüber jesprochen, daß er nu jar nich mehr kommt. Un ich habe ihm noch jerade ’n Briefchen jeschrieben, er soll uns doch mal besuchen – weil ich ihn doch ewig nich jesehen hatte und – und – na, weil er doch sonst jerne mit mir zusammen war! Aber er hat mir jar nich drauf jeantwortet. Ich habe ihm doch nischt jetan! Er hat sich aber ebent sehr verändert!« Sie setzte eine altkluge Miene auf: »Jnädige Frau, ich jlaube, es wäre doch besser, wenn er noch bei Ihnen wohnte!«