Der junge Mensch sagte kein Wort hierauf.

Schliebens überschütteten ihren Arzt mit Vorwürfen: warum hatte er ihnen das nicht längst gesagt? Er mußte das doch wissen! Warum hatte er sie so im unklaren gelassen?!

Hofmann verteidigte sich: hatte er denn nicht immer und immer wieder zur Vorsicht gemahnt?! Seit dem Scharlach damals hatte er für des Jungen Herz gefürchtet und das auch nicht verhehlt. Aber freilich, daß sich die Sache so schnell verschlimmern würde, hatte auch er nicht gedacht. Der Junge hatte eben zu sehr drauf los gelebt!

›Schwerer Herzfehler‹ – das war wie ein Todesurteil. Wolfgang streckte die Waffen. Auf einmal fühlte er nicht mehr die Kraft in sich, gegen diese nächtlichen Anfälle anzukämpfen. Was er früher, ehe er das wußte, ganz für sich allein in seinem Bett, selbst ohne Licht anzuzünden, abgemacht hatte, das trieb ihn jetzt auf die Füße. Es trieb ihn ans Fenster – er riß es auf – trieb ihn in der Stube umher, bis er endlich, völlig ermattet, im Lehnstuhl Ruhe fand. Das trieb ihn sogar, bei den Eltern anzuklopfen: »Schlaft ihr? Ich habe solche Angst! Wacht doch mit mir!«


Wochenlang waren es böse Nächte gewesen. Wolfgang hatte gelitten, und die Mutter mit ihm. Wie konnte sie schlafen, wenn sie wußte, daß nebenan jemand sich quälte?!

Nun ging es wieder besser. Die Medikamente des alten Freundes hatten gewirkt, und Wolfgang hatte eine regelrechte Kur durchgemacht: Bäder, Abreibungen, Massage, besondere Diät. Nun konnte man ganz zufrieden mit dem Erfolge sein. Besonders das streng geregelte Leben hatte ihm gut getan; das Körpergewicht hatte wieder zugenommen, sein Auge war glanzvoller, seine Gesichtsfarbe frischer. Sie hatten alle die größte Zuversicht – nur einer nicht. Dieser eine hatte eben keinen Willen zum Leben mehr. –

Der April war rauh und stürmisch, ganz außergewöhnlich kalt; es war nicht möglich, daß der Rekonvaleszent so viel im Freien sein konnte wie wünschenswert war, besonders da warmmachende Bewegungen, wie Tennis, Radfahren, Reiten, für ihn noch zu ermüdend waren. Der Arzt schlug vor, Wolfgang nach der Riviera zu schicken. Wenn auch dort nur noch ein paar Wochen blieben, bis es zu heiß wurde, die würden schon genügen.

Schlieben war sofort bereit, den jungen Mann reisen zu lassen: wenn’s ihm gut tat, nun natürlich! Käte erbot sich, mitzureisen.

»Aber warum denn, liebste Frau? Der Junge kann ganz gut allein reisen,« versicherte der Sanitätsrat.