Aber sie bestand darauf, sie wollte ihn begleiten. Jetzt war’s nicht mehr die Besorgnis, er könne ihr verloren gehen: es war ihre Pflicht so, sie mußte ihn begleiten, selbst wenn sie es nicht gern getan hätte. Und ein wenig eigne Lust, sich ganz heimlich, ihr selber unbewußt, in ihr regend, kam auch noch dazu. Sie wußte ja so gut Bescheid im Süden – wenn sie zum Beispiel nach Sestri gingen? Fragend sah sie ihren Mann an. Hatten sie nicht dort an der Riviera Levante einst wahrhaft glückliche Tage verlebt? Dort am blauen Meer, wo die breiten Pinien grüner und schattender stehen, als tiefer im Süden die Palmen, wo die Luft bei aller Milde etwas Herbes und Erfrischendes hat, wo nichts Schlaffes ist, lauter Belebung!
Er lächelte: gewiß, sie konnten ja dahin reisen! Ach, er freute sich ja so über den doch noch nicht gänzlich verlöschten Enthusiasmus seiner Frau.
Am Nachmittag seiner Abreise kramte Wolfgang lange in seinem Zimmer. Käte, die besorgt war, daß er sich beim Packen zu sehr anstrengen könnte, hatte ihm Friedrich zu Hilfe geschickt. Aber dieser kam bald wieder herunter: »Der junge Herr will’s alleine machen!«
Als Wolfgang das Letzte in seinen Koffer gelegt hatte, sah er sich nachdenklich im Zimmer um. Hier war er nun aufgewachsen, hier dieses Zimmer hatte er oft als einen Käfig betrachtet – ob er nun wieder in diesen zurückkehrte?!
– – Wir haben hie keine bleibende Statt, die zukünftige suchen wir – –
Drüben hing, schön gerahmt, sein Konfirmationsspruch an der Wand. Lange nicht gelesen. Jetzt las er ihn wieder; leicht lächelnd, ein bißchen spöttisch, und ein bißchen wehmütig. Ja, er würde wieder hier hinein zurückflattern, er war eben an den Käfig gewöhnt!
Und nun beschloß er, als allerletztes, noch etwas Übriges zu tun, und – zu Frida zu gehen. –
Frau Lämke war sprachlos vor Staunen, fast erschrocken, als sie gegen die Zeit, in der ihre Frida gewöhnlich nach Hause zu kommen pflegte, den jungen Herrn Schlieben bei sich eintreten sah. Sie stotterte vor Verlegenheit: »Nee, Frida is noch nich zu Hause – un Artur is auch nich hier – un Vater is oben in die Loge – aber wenn Sie so lange – so lange – bei mir vorlieb nehmen wollen!« Sie schob ihm mit großem Gerappel einen Stuhl hin.
Er rückte sich den Stuhl dicht an den Tisch heran, an dem sie genäht hatte. Nun saß er wieder hier wie einst. Und er entsann sich ganz deutlich jener ersten Einladung zu Lämkes – Fridas zehnter Geburtstag war’s gewesen –, da hatte er hier gesessen mit den Kindern, und der Kaffee und die Kuchenschnecken hatten ihm so köstlich geschmeckt.
Und eine Menge von Erinnerungen kamen ihm noch – lauter nette Erinnerungen – aber doch wollte kein rechtes Gespräch mehr zwischen ihm und Frau Lämke zustande kommen. Fühlte er eine Beklemmung vor dem Wiedersehen mit Frida? Oder was machte ihn so unruhig hier?! Ja, es war so, auch hier war er nicht mehr am Platze!