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Das waren Tage reinsten Glücks in der Villa Schlieben. Man hatte sie nun gekauft, noch ausbauen lassen und auch zum Garten noch ein Stück Land als Spielplatz dazu erworben. Es war nicht zu denken, daß der Junge nicht Platz genug haben sollte, sich auszutummeln. Sand wurde gefahren, ein Berg, so hoch wie eine Düne, darin er buddeln konnte. Und als er anfing, zum Turnen groß genug zu sein, wurden eine Schaukel angeschafft, ein Reck und ein Barren.

Aber dies alles war doch noch nicht ausreichend. Er stieg über sämtliche Zäune der Nachbarvillen, über alle die mit Stacheldraht und Glasscherben bewehrten Mauern.

»Herrlicher Junge,« sagte Geheimrat Hofmann, wenn er von Wolfgang sprach. Sprach er mit ihm, so sagte er freilich: »Du bist ein ganzes Rauhbein! Warte nur, wenn du in die Schule kommst, da werden sie dich das Stillesitzen lehren!«

Wolf war wild – ›etwas zu wild‹ fand die Mutter. Schlieben machte der Übermut des Jungen Spaß, es steckte eben so viel überschüssige Kraft in ihm. Aber Käte fühlte sich ein wenig befremdet durch so viel Wildheit. Nein, befremdet war sie eigentlich nicht, wußte sie doch nur zu gut, woher diese Wildheit stammte; bange machte ihr die.

Sie schalt nicht über zerrissene Hosen – o, die konnten ja wieder ersetzt werden! – aber als er heimkam mit dem ersten Loch im Kopf, da wurde sie ganz unglaublich erregt. Sie schalt heftig, sie wurde ungerecht. Es war ihr nicht möglich, ihm das Blut zu stillen – huh, wie es rann! – wie einen Krampf begann sie’s am Herzen zu fühlen, mühselig schleppte sie sich in ihr Zimmer und blieb da stumm in einem Winkel sitzen, die Blicke starr ins Leere gerichtet.

Als ihr Mann ihr, solcher Übertreibung wegen, einige Vorwürfe machte, sagte sie kein Wort dawider. Er tröstete sie dann: sie konnte ja nun ganz ruhig sein, die Sache war weiter nicht von Belang, das Loch genäht und der Junge seelenvergnügt, als sei nie etwas gewesen!

Aber sie fröstelte in einem nervösen Schauer und blieb blaß. Ach, wenn Paul wüßte, an was sie dachte, immerfort denken mußte! Daß sich ihm nicht die gleiche Erinnerung aufdrängte?! – – – O, Michel Solheid hatte blutend auf dem Venn gelegen – Blut war zur Erde getropft heute wie damals! Der kleine Knabe hatte sich nicht beklagt, ebensowenig, wie sein – sie sträubte sich selbst in Gedanken gegen dieses Wort – wie sein Vater, wie Michel Solheid geklagt hatte! Und doch war das rote Blut hervorgespritzt wie ein Springquell; wieviel natürlicher wäre dabei ein Weinen gewesen! Empfand Wolf denn anders, als andre Kinder empfanden?!

Käte ging die Reihe ihrer Bekannten durch: da war kein einziges Kind, das bei solcher Verwundung nicht geweint hätte, und es brauchte deshalb noch lange kein Feigling zu sein. Es war gewiß, Wölfchen war weniger feinfühlig. Nicht nur stumpfer gegen körperlichen Schmerz, nein – und das hatte sie schon mehrmals zu bemerken geglaubt –, auch stumpfer in den Regungen der Seele. Selbst bei Freuden. Zeigten nicht andere Kinder ihr Beglücktsein, indem sie jubelnd in die Hände klatschten? Den begehrten Gegenstand: das Spielzeug, die Puppe, den Kuchen mit Rufen des Entzückens umhüpften? Er hatte nur ein stummes Danachgreifen; nahm’s an sich, eben weil es ihm geboten ward, ohne all die kindliche Geschwätzigkeit, ohne dies anmutig-jauchzende Erfreutsein, das es so unendlich dankbar macht, Kinder zu beschenken.

›Wie ein Bauer,‹ pflegte Schlieben zu sagen. Das gab ihr jedesmal einen Stich durchs Herz. War Wölfchen wirklich aus so anderm Holz?! Nein, ›Bauer‹ durfte Paul nicht sagen! Wölfchen war doch nicht stupide, nur vielleicht ein wenig langsam im Denken, aber doch schlau genug! Und er war eben kein Großstadtkind; man lebte ja hier ganz wie auf dem Lande.