Sie hielt den Knaben nur noch fester umschlungen; aber den Kopf hatte sie von seiner Brust gehoben. Aus dem blassen Gesicht sahen ihre Augen ganz verstört ihren Mann an: »Hast du die denn vergessen?!«

Ihr zitternder Ton wurde hart: »Nein, nie darf er’s wissen! Und ich schwöre es, und du mußt es mir auch versprechen, heilig versprechen, heut an diesem Tage, hier an seinem Bettchen, bei seinem friedlichen Schlaf – Paul, und wenn ich sterben sollte, auch dann nicht –« sie steigerte sich immer mehr in ihrer Erregung, ihr harter Ton wurde fast schreiend – »nie werden wir’s ihm sagen! Und ich gebe ihn nicht her! Er ist nur mein Kind, nur unser Kind allein!«

Ihr Ton schlug um: »Wölfchen, mein Wölfchen, du wirst doch nie von Mutterchen gehn?!«

Jetzt strömten ihre Tränen, und unter diesen Tränen küßte sie das Kind so heftig, so inbrünstig, daß es erwachte. Aber es weinte nicht, wie sonst wohl, wenn es im Schlaf gestört ward.

Es lächelte, und beide Ärmchen um den Hals der sich zu ihm Niederbeugenden schlingend, sagte es, schlaftrunken noch, aber doch deutlich-klar: »Mutti!«

Sie stieß einen Laut des Entzückens aus, einen Ruf triumphierender Freude: »Hörst du’s? Er sagt: ›Mutti!‹«

Sie lachte und weinte durcheinander wie in einem Übermaß von Glück und haschte nach der Hand ihres Mannes und hielt ihn fest: »Paul – Väterchen! – komm, gib du unserm Kinde jetzt auch einen Kuß!«

Und Schlieben bückte sich auch nieder. Seine Frau schlang den Arm um seinen Hals und zog seinen Kopf noch tiefer herab, dicht neben den ihren. Da legte das Kind den einen Arm um seinen Nacken, den andern um den ihren.

Sie waren sich alle drei so nah in dieser stillen Sommernacht, in der alle Sterne glänzten und Mondstrahlen silberne Brücken schlugen vom friedvollen Himmel hinab zur friedvollen Erde.