Hündchen hat den Mann gebissen,

Hat des Bettlers Kleid zerrissen –«

Immer leiser hatte sie gesungen; jetzt glaubte sie ihn eingeschlafen, da riß er ungestüm seine Hand aus der ihrigen: »Hör auf mit dem Lied! Ich bin kein kleines Kind mehr!«


Es war ein Glück, daß es in der Grunewaldkolonie keine Straßenjungen gab, sonst hätte Wölfchen sicherlich mit denen gespielt; so waren es doch nur Portierkinder. An besserem Verkehr fehlte es ihm freilich nicht; von Schulkameraden, deren Eltern gleich den seinen in Villen wohnten, wurde er eingeladen, und auch die Berliner befreundeten Familien, die es gerne sahen, wenn ihre Kinder an Ferientagen hinaus konnten in den Grunewald, forderten ihn zu fleißigem Besuche auf.

Alle Kinder kamen gern in den schattigen Garten, wo Tante Schlieben immer so freundlich war. Kuchen und Obst gab’s da genug und Reifen und Bälle und Krocket und Tennis, Kegel und Turngeräte. An sonnigen Nachmittagen stieg helles Gelächter und Gekreisch bis hoch hinauf in die grünen Wipfel der Kiefern, aber – Frau Käte sah’s mit Befremden – ihr Junge, der sonst doch immer so wilde, war dann der stillste. Er machte sich nichts aus dem Besuch. Die Knaben in weißen und blauen Matrosenanzügen, deren frische Gesichter sich so wohlgesittet über blendenden Kragen erhoben, waren ihm nicht lieb; er gewann keine rechte Fühlung mit ihnen. Am liebsten wäre er davongelaufen, da weit draußen hin, wo niemand anders ging, als ab und zu mit einem großen Sack ein Strolch, der mit seinem Drahthaken jedes Stullenpapier wendete, um zu sehen, ob vom Sonntag nicht vielleicht doch etwas Kostbares übrig geblieben sei. Dem hätte er gern geholfen. Oder Kienäpfel in den großen Sack gesammelt.

Aber Freunde hatte Wolfgang doch auch. Da war Hans Flebbe – sein Vater war Kutscher bei dem Bankier, der schrägüber die prachtvolle Villa hatte und im Winter in der Bellevuestraße in Berlin wohnte –, da waren auch noch Artur und Frida; aber deren Eltern waren nur Portierleute in einer Mietvilla, die von verschiedenen Parteien bewohnt wurde.

Sobald diese drei aus der Schule nach Hause gekommen waren, fanden sie sich vor der Schliebenschen Villa ein; sie waren nicht wegzutreiben, geduldig warteten sie, bis Wolfgang sich zu ihnen gesellte.

»Mit meinem Hans ist er wie ’n Bruder,« pflegte der Kutscher zu sagen und Wolfgang immer mit einem ganz besonders herablassenden Peitschenschwippen hoch vom Bock zu begrüßen. Und die Portierleute stellten befriedigend fest: »Was er, der olle Schlieben is, der faßt immer an ’n Hut, und sie, die Jnädige, jrüßt auch immer sehr freundlich, aber was der Kleene is, der is doch noch janz anders!«

Es waren wilde Spiele, bei denen Frida ganz als Junge gerechnet wurde, die die vier Kameraden spielten: Nachlaufen, Versteck, am liebsten Räuber und Gendarm. Ha, wie Wolfs, des Räuberhauptmanns, Augen funkelten, wenn er dem Gendarmen, Hans Flebbe, einen Tritt gegen den Bauch gab, daß er hintenüber zu Boden fiel und vor Schmerz eine Weile starr liegen blieb.