Warum antwortete sie ihm nicht? Warum erzählte sie ihm nicht so etwas, wie Frau Lämke ihrer Frida erzählt hatte? War er denn nicht auch geboren? Und hatte sich denn die Mutter nicht auch gefreut, wie er dann geboren war? Es war recht häßlich von ihr, daß sie ihm nichts davon sagte! Merkte sie denn nicht, wie gern, wie schrecklich gern er etwas davon wissen wollte?!

Eine brennende Neugier war auf einmal in dem Kinde erwacht. Die quälte ihn, fraß förmlich an ihm. Die ganze Nacht würde er nicht schlafen können, immer, immerfort darüber denken müssen! Und er wollte doch gern schlafen, es war langweilig, wach zu liegen – er wollte, er mußte es wissen!

Käte sah, wie sich des Knaben Antlitz verfinsterte. Ach, der arme, arme Junge! Hätte sie ihn doch nur nicht zu jenen Leuten gehen lassen! Was hatte er dort erfahren, was wußte er? Hatten sie ihn mißtrauisch gemacht? Was wußten diese Leute? O, die hatten ihm Mißtrauen eingeflößt, wie würde er sie denn sonst mit solchen Fragen quälen?!

Heiße Angst schoß in ihr auf, und doch fühlte sie ihre Hände und Füße kalt werden wie Eis. Aber stärker noch als ihre Angst war ihr Mitleid – da saß er, ach, so traurig, und hatte Tränen in den Augen! Das arme Kind, das von seiner Geburt zu wissen verlangte und dem sie nichts sagen konnte, sagen wollte, sagen durfte! O, jetzt nur einen guten Gedanken, das richtige Wort!

»Wölfchen,« sagte sie sanft, »du bist noch zu jung dazu – jetzt noch nicht! Ein andermal! Du verstehst das ja noch gar nicht! Wenn du erst älter bist – ein andermal erzähle ich dir!«

»Nein, jetzt!« Sie hatte sich ihm genähert, er faßte sie am Kleid, hielt sie fest; mit der ihm eigenen, etwas schwerfälligen Hartnäckigkeit beharrte er: »Jetzt! Ich will es wissen – ich muß es wissen!«

»Aber, Wölfchen, ich – ich habe jetzt keine Zeit! Ich muß fort – ja, ich muß wirklich fort, es ist höchste Zeit!« Sie blickte im Zimmer herum und war ganz verwirrt: »Ich – nein, ich kann dir nichts erzählen!«

»Du willst nicht,« sagte er. »Und Frau Lämke hat es doch ihrer Frida erzählt!« Der Ausdruck mauliger Verdrossenheit schwand aus dem dunklen Knabengesicht und machte dem einer wirklichen Betrübnis Platz: »Du hast mich lange nicht so lieb, gar nicht so richtig lieb, wie Frau Lämke ihre Frida hat!«

Sie ihn nicht lieb haben –?! Sie ihn nicht lieb haben –?! Und das glaubte er?! Käte hätte aufschreien mögen. Wenn eine ihr Kind lieb hatte, so war sie’s gewiß, und doch fühlte dieses Kind instinktiv: hier fehlt etwas! Fehlte dann nicht jenes rätselhafte Band, das eine wirkliche Mutter und ihr wirkliches Kind so unlösbar-geheimnisvoll, so tief innen verbindet?

»Wölfchen,« sagte sie zitternd-weich, »mein liebes Wölfchen,« und strich ihm mit der eiskalten Hand über die heiße Stirn. »Das glaubst du doch selber nicht, was du da sagst! Wir haben uns doch so lieb, nicht wahr?! Mein Kind – mein geliebtes Kind, sag?!«