»Du hättst ja schon gehen können,« sagte er.
»Du weißt, mein Kind, daß ich nicht ruhig bin, wenn ich dich nicht hier zu Hause weiß!« Sie seufzte: »Wie könnte ich das auch!«
Erstaunt sah er sie an: warum sagte sie das? Hatte ihn etwa wieder jemand verpetzt? Warum war sie so komisch?!
Mit großen Blicken, als sei sie ihm ganz fremd in diesem Kleide, das so nackt an Hals und Armen ließ, betrachtete er sie. Nachdenklich schob er die Bissen seines Abendbrotes in den Mund und kaute langsam. Er mußte auf einmal wieder so sehr an das denken, was er Frau Lämke hatte erzählen hören. Wie er geboren wurde, davon hatten sich Vater und Mutter nie etwas erzählt!
Und er hielt plötzlich inne mit Kauen und fragte in die Stille des Zimmers, in die Stille, die zwischen ihm und ihr war, ganz unvermittelt hinein: »Wie ich geboren wurde, hat’s da auch so sehr lange gedauert?«
»Wie – was – wer – du?!« Sie sah ihn starr an.
Sie schien ihn nicht verstanden zu haben! Darum schluckte er rasch den Bissen, den er noch im Munde hatte, herunter und sagte recht laut und deutlich: »Ob’s auch so lange gedauert hat, wie ich geboren wurde? Bei Frida hat’s sehr lange gedauert. Hast du auch so geschrieen wie Frau Lämke?«
»Ich–?! Wer –ich?!« Sie wurde glühend rot und dann sehr blaß. Für einen Moment schloß sie die Augen, ihr schwindelte; es sauste ihr vor den Ohren, sie sprang vom Stuhl auf, hatte das Gefühl, fortlaufen zu müssen und konnte doch nicht. Mit bebenden Händen hielt sie sich am Tisch, aber die feste Eichenplatte war etwas Unsicher-wackelndes, Wogendes, Gleitendes geworden. Was – was sprach der Junge da? O Gott!
Sie biß sich auf die Lippen, holte tief Atem, wollte sagen: ›Laß doch solch dumme Fragen,‹ und konnte das doch nicht. Sie rang mit sich. Endlich stieß sie heraus: »Unsinn! Mach rasch, iß auf! Dann gleich zu Bett!« Ihre Stimme klang ganz rauh.
Wieder traf sie des Knaben verwunderter Blick. »Warum bist du auf einmal so – so – so eklig? Wenn man nicht mal was fragen darf!« Und verdrossen schob er den Teller zurück und hörte auf zu essen.