»Du,« mahnte Frida, »Mutter ruft! Un euer Mädchen steht bei un winkt!«
Von der Haustür her tönte wiederum Frau Lämkes Stimme: »Wolfjang, Wolfjang!« Und nun ließ sich auch Lisbeth spitzen Tones vernehmen: »Na, wird’s bald? Sollst zu Hause kommen!«
Frau Lämke lachte. »Na, lassen Se man, se waren so verjniegt!« Aber dann bekam sie doch einen Schreck, als sie des Knaben beschmutzten Anzug sah, und fing an, daran herumzuwischen. »Jotte, wie sieht de scheene Bluse aus – un de Hosen!« Sie bekam einen roten Kopf und wurde noch röter, als sie den feurigen Kratz bemerkte, der über des jungen Herrn Backe lief. »Dir haben se ja scheene zujericht – Jöhren, verdammte! Na, wartet ihr man!« Sie drohte Hans Flebbe und den eigenen Kindern, aber es war doch kein wirklicher Ernst in ihrer Drohung. Halblaut, mit einem schmunzelnden Zucken um die Mundwinkel, sagte sie zu Lisbeth, die in starrer Entrüstung dastand: »Dolle Jöhren, was? Na, det is nu ebent nich anders, so waren wer alle auch, als wer noch jung waren!« Und sich wieder zu Wolfgang wendend, fuhr sie ihm gutmütig mit der arbeitsrauhen Hand über den feurigen Kratz: »Det war doch ’n Hauptspaß, was, Wolfjang?«
»Ja,« sagte er aus tiefster Seele. Und dann, als er ihr Auge so freundlich-verständnisvoll auf sich gerichtet sah, war es ihm, als wäre er dieser Frau sehr gut. –
Es war ein herrlicher Nachmittag gewesen. Aber als er nun neben Lisbeth nach Hause ging, sprach er nicht davon; sie hätte ja doch die Nase gerümpft.
»Na, gnäd’ge Frau is schön böse,« sagte Lisbeth – sie sprach mit dem Knaben nie anders als von der ›gnädigen Frau‹ – »was bleibste denn auch so ewig lange?! Hast du nicht gehört, daß gnäd’ge Frau gesagt hat, du sollst vor Dunkelwerden zu Hause kommen?«
Er blieb stumm. Mochte die nur schwatzen, das war ja gar nicht wahr! An ihr vorbeisehend, starrte er in die Dämmerung. Aber als er zu Hause ins Zimmer trat, merkte er doch, daß die Mutter auf ihn gewartet hatte. Böse war sie freilich nicht, aber sein Abendbrot: ein Ei, ein Schinkenbrötchen, die Milch im silbernen Becher, alles zierlich zurechtgemacht, stand schon da, und sie saß gegenüber seinem Platz, hatte die gefalteten Hände auf das weiße Tischtuch gelegt und die Brauen ungeduldig-finster zusammengezogen.
Die große Hängelampe, deren Gaslicht hell über den Tisch leuchtete und den gesenkten Frauenscheitel goldig flimmern ließ, machte das Gesicht nicht heller.
Die Mutter war in Seide, in heller Seide, in einem Kleid mit Spitzen, das über Hals und Arme nur etwas wie einen ganz dünnen Schleier hatte. Aha – nun fiel’s ihm ein – sie sollte ja um acht Uhr den Vater, der heute zu Mittag gar nicht nach Hause gekommen war, in der Stadt treffen und mit ihm in eine Gesellschaft gehen! Aha, darum hatte er so früh nach Hause kommen müssen?! Als ob er nicht allein ins Bett finden könnte!
»Du kommst ja so spät,« sagte sie.