Wolfgang hätte sich diese Ehre sonst nie nehmen lassen, aber heute mußte er Gendarm sein, er war der letzte gewesen. Langsam und stumm war er den andern gefolgt. Etwas saß ihm im Kopfe fest, das machte ihn schwerfällig und hemmte seinen Lauf; er mußte darüber denken, denken. Das wurde er nicht los, selbst als er mitten drin war im Lieblingsspiel; erst dann vergaß er’s, als er mit Hans Flebbe eine große Balgerei hatte. Dieser hatte ihn ins Gesicht gekratzt, darum riß er ihm jetzt ein Büschel Haare aus. Am nächsten Gartengitter hielten sie sich gepackt.
Artur, ein kleiner Schwächling, hatte sich nicht am Streite beteiligt, aber er schrie, die Hände in den Hosentaschen, mit kreischender Stimme hinein in den Kampf, den die beiden wortlos miteinander ausfochten.
»Flebbe, hau ihm! Mit de Faust unter de Neese – tüchtig!«
»Wolfjang, man zu! Zeig ihm, was ’ne Harke is, immer ruff uf ihn!«
Frida hüpfte lachend von einem Bein aufs andere, der blonde Zopf tanzte auf ihrem Rücken. Aber dann wurde ihr Lachen auf einmal ein wenig verlegen-bang: der mehrere Jahre ältere Hans hatte Wolfgang untergekriegt und hämmerte ihm nun mit der Faust ins Gesicht.
»Flebbe, du!« Sie zerrte ihn an der Bluse, und als das nichts half, stellte sie ihm flink ein Bein. Da stolperte er darüber, und Wolfgang, gewandt den Augenblick nutzend, schwang sich nach oben und besorgte es nun dem Feind grimmig.
Das war kein Spiel mehr, keine gewöhnliche Jungensbalgerei. Wolfgang fühlte sein Gesicht wie Feuer brennen, ein Kratz lief ihm die Wange herab bis zum Kinn, vor seinen Augen tanzten Funken. Jetzt hatte er alles vergessen, was ihn vorher so stumm gemacht, er fühlte eine wilde Lust, laut brüllte er auf.
»Du, Wolfjang! Wolfjang, nee, det jilt nich,« schrie der Unparteiische. »Det is doch keen Spaß nich mehr!« Artur schickte sich an, Wolf, der auf des Gegners Brust kniete, die Beine festzuhalten.
Ein Ruck, und er flog zur Seite. Zitternd vor Wut kehrte sich Wolf nun auch gegen ihn; seine schwarzen Augen funkelten. Das war kein wohlgezogenes, wohlgekleidetes, herrschaftliches Kind mehr, das war eine ganz elementare, ungezügelte, unbezwungene Kraft. Er schnaufte, er keuchte – da, ein Ruf!
»Wolfjang, Wolfjang!«