»Richtig – nee, schonst zehne!« Die Frau lachte und schüttelte den Kopf, über diese Vergeßlichkeit verwundert. Und dann nickte sie ihrem Manne zu: »Weeßte noch, Lämke, wie se jeboren wurde?«
»Un ob,« sagte er und schenkte sich nochmals aus der unerschöpflichen Kanne ein. »Det war ’ne schöne Tur, wie se jeboren wurde – na, ich danke! Die Jöhre hat dir scheene zujesetzt! Un mir mit, ich kriegte ordentlich Manschetten. Aber nu, Alte – ä, zehn Jahre her, nu is et ja bald nich mehr wahr!«
»Un wenn et hundert her wäre, det verjäße ik nich, o nee!« Die Frau hob abwehrend die Hand. »Ik wollte mir jrade wie heute, so um viere ’rum, Kaffee kochen, ik hatte so ’n Jieper drauf, da jing ’t los. Jrade noch, daß ik bis iebern Flur kam – weeßte, du warst damals noch in de Werkstelle bei Stiller, un wir wohnten in de Alte-Jakob, fünf Treppen links – un ik kloppte bei den Krawattenfritze drieben an un sagte: ›Ach, sein Se doch so jut,‹ sagte ik, ›schicken Se man fix Ihre Kleene bei die Wadlern, Spittelmarcht zehne, die weeß schon‹ – au weih, war mich schlecht! Un ik fiel uf’n nächsten Stuhl; se hatten alle Mühe, det se mir noch ’rieber kriegten. Un nu jing det los, ik konnte nich an mir halten, bei’n besten Willen nich; ik jloobe, se haben mir drei Häuser weit schreien jehört. Un det dauerte, det dauerte – et wurde Abend – du kamst zu Hause – et wurde Mitternacht – morjens fünfe, sechse, sieben – da endlich um neune sagte de Wadlern: ›det Kind, det is an’n Ende –‹«
»Mutter,« unterbrach sie der Mann und zwinkerte nach den Kindern hin, die ganz still am Tisch saßen und mit weitgeöffneten, neugierigen Augen lauschten, »nu laß’t man jut sind! Det is ja nu allens lange vorbei, de Jöhre is da, un is dich ja soweit janz jut jeraten!«
»Punkt elfe wurde se jeboren,« sagte Frau Lämke träumerisch und nickte ernsthaft dabei und atmete dann so tief auf, als hätte sie einen hohen Berg überklettert. Und dann rief sie ihre Tochter zu sich heran, heute, am zehnten Geburtstag ihrer Erstgeborenen, von Leid und Freude einer nach zehn Jahren noch so unendlich lebendigen Erinnerung überflutet.
»Komm man, Frida!« Und sie gab ihr einen Kuß.
Frida, ganz verdutzt durch diese unvermittelte Zärtlichkeit, lachte ihren Bruder Artur und die beiden andern Knaben dumm an, und dann entschlüpfte sie zur Türe: »Können wer jetzt spielen jehn?«
»Macht, det ihr ’rauskommt!«
Da stürzten sie voller Fröhlichkeit aus der dunklen Portierwohnung, die unten im Souterrain lag, hinauf.
So hell war’s auf der Straße, so heiter schien die Sonne, Wind wehte frisch, fern flog ein Drache übers Feld. Wenige Fußgänger, keine Wagen. Die Straße gehörte ihnen, und mit Hallo stürmten sie dahin: wer zuerst am Laternenpfahl an der Ecke war, der war Hauptmann!