Er hatte ungestüm zugepackt, es freute ihn doch zu sehr, daß er der Frida was bringen konnte. Und in einer seltenen Regung – er war kein Freund von Zärtlichkeiten – reckte er der Mutter das Gesicht hin und empfing, in einer Aufwallung von Dankbarkeit, ihren Kuß. Er ließ ihn sich mehr gefallen, als daß er nach ihm verlangte, sie fühlte das wohl, aber sie war doch froh darüber, und mit einem Lächeln, das ihr ganzes Gesicht erhellte, sah sie ihm dann nach.

»Aber vor Dunkelwerden bist du wieder zu Hause,« hatte sie ihm noch zugerufen. Ob er sie gehört hatte?

Wie er lief, davonjagte, leichtfüßig wie ein Hirsch! Noch nie hatte sie ein Kind so rasch laufen sehen. Er warf die strammen Beine, daß die Hacken hinten gegen die Schenkel schlugen; der Wind blies ihm den breitkrempigen Matrosenhut in den Nacken, da riß er ihn ganz ab und rannte barhäuptig weiter, so eilig hatte er’s.

Was zog ihn nur so mächtig zu diesen Leuten?!

Von Kätes Gesicht verschwand das Lächeln, sie trat vom Fenster zurück. –

Wolfgang war glücklich. Er saß bei Lämkes in der Stube, in der zur kälteren Jahreszeit auch gekocht wurde. Die Schlafstätte der Eltern war durch einen Vorhang abgegrenzt; Frida schlief auf dem Sofa und Artur nebenan in dem Kämmerchen, das auch die Schippen und Besen, die Vater Lämke zur Haus- und Straßenreinigung brauchte, beherbergte.

Noch war es nicht Winter, noch freundlicher Herbst, aber doch roch es schon in der Stube hübsch warm und mollig. Mit dem zarten Duft der blassen Monatsrose und des Nelkenstocks, der Myrte und des Geraniums, die, dicht an das fast ebenerdige Fenster gerückt, alle blühten, mischte sich der strengere Geruch des Kaffees, den Frau Lämke in der großen Emaillekanne brühte. Zu Hause bekam Wolfgang nie Kaffee, hier bekam er welchen; und er schlürfte ihn, wie er die andern ihn schlürfen sah, nur empfand er ein noch größeres Behagen dabei. Und nie hatte ihm ein Stück Torte so gut geschmeckt wie diese einfache Schnecke, die eher Semmel als Kuchen war; er kaute mit offenem Mund, und als Frau Lämke ihm, dem geehrtesten Gast, noch eine zweite Schnecke zuschob, nahm er sie mit strahlendem Gesicht.

Frau Lämke fühlte sich sehr geschmeichelt durch seinen Besuch. Aus der Puppe aber hatte sie sich nicht viel gemacht; die hatte sie Frida gleich weggenommen und in den Schrank geschlossen: »Det de ihr nich jleich verknutschst! Un iebrigens biste doch keen Herrschaftskind, det uff alle Dage mit Puppens spielt. Schade um det Jeld!« Aber nachher, als Vater Lämke aus der Portierloge, wo er in seinen Mußestunden saß und Stiefel flickte, herunterkam, um auch eine Tasse Geburtstagskaffee zu trinken und eine Schnecke zu essen, wurde die Puppe doch wieder vorgeholt und ihm gezeigt.

»Fein, was? Hat sie von Wolfjangen seine Mama. Sieh mal, Lämke« – die Frau hob der Puppe das rosa Kleidchen auf und zeigte darunter das weiße, mit einer kleinen Spitze besetzte Volantröckchen – »so ’ne Frisur, janz jenau so ’ne hatte ik Frida’n um ’t Taufkleidchen jenäht. Jotte doch, sie war doch det erste, da denkt man, et is noch wat Besondret! Ach ja,« – sie seufzte und legte die Puppe wieder in den Schrank zurück, in dem allerlei Krimskram, die reinen Bettbezüge und ihr und Fridas Sonntagshut lagen – »wie de Zeit verjeht! Nu is se schonst neune!«

»Zehne,« verbesserte Frida. »Ich bin doch heute zehne jeworden, Mutter!«