»Na, na, man nich so trotzig,« ermahnte jetzt die Frau. »Et kann ja sind, vielleicht waren die Jöhren unjezogen – lieber Jott, man kann doch nich for allens ufkommen, wat se treiben – weeßte, Wolfjangchen, Mama’n mußte doch jehorchen, wenn se ’t nu mal durchaus nich will!« Sie seufzte. »Wir haben dir sehr lieb jehabt, mein Sohn! Aber det is immer so: erst is de Freundschaft jroß, aber denn besinnen sich die Reichen uf eenmal? Du bist ja ooch jetzt eijentlich schonst zu jroß, um in’n Keller bei uns zu sitzen –«
Sie wollte noch weiter schwatzen, da fühlte sie sich an der Hand gefaßt. Es war ein sehr fester Griff, mit dem die Knabenhand die ihre hielt. Sich zu ihm herunterneigend, denn sie war groß und hager und ihr Auge vom ewigen Halbdunkel der Portierwohnung nicht mehr scharf, sah sie, daß er Tränen in den Augen hatte. Sie hatte ihn noch nie weinen sehen und bekam förmlich einen Schrecken.
»Laß man jut sind, laß man, Wölfchen! Nee aber, so weene doch nich, um Jottes willen nich, det wär’t noch jrade wert!« Den Zipfel ihrer groben blauen Arbeitsschürze nehmend – sie war nur eben mal vom Waschfaß fortgelaufen –, wischte sie ihm die Augen, und dann die Backen herunter, und dann strich sie ihm übers Haar, das so straff und dicht auf dem runden Kopfe lag.
Er stand still, wie angewurzelt, auf der schon frühlingslichten, sonnenhellen Straße; er, der so scheu vor Zärtlichkeiten war, ließ sich also streicheln und scheute es auf einmal nicht, wenn dies auch andre Leute sahen.
»Ich komme doch wieder in den Keller, Frau Lämke! Da kann sie sagen, was sie will. Ich komme doch zu Ihnen!«
Als er nun davonging, nicht trabend, wie es sonst seine Art war, sondern langsam, mit einem bedächtigen Tritt, wunderte sich die Frau, die ihm nachsah, wie groß er schon war. –
Frau Käte hatte einen schweren Stand. Wie sie sich auch wehrte, förmlich dagegen stemmte, daß der Verkehr mit Lämkes wieder aufgenommen wurde, der Knabe war stärker als sie. Er setzte es durch, daß die Kinder, wenn er denn nicht zu ihnen hin sollte, wenigstens zu ihm kommen durften. In den Garten wenigstens – das hatte er der Mutter abgerungen.
Es war wie ein Kampf gewesen zwischen ihm und ihr, zwar ohne laute Worte und heftige Szenen, ohne direkte Verbote von ihrer Seite, ohne Bitten von der seinen; es war ein weit ernsteres, stummes Ringen. Sie hatte den Trotz in ihm gefühlt, der sich gegen sie bäumte, den Widerstand in ihm, der immer weiter und weiter sich erhob bis zur Abneigung – ja, Abneigung gegen sie! Oder bildete sie sich das etwa nur ein?!
Gern hätte sie sich mit ihrem Manne darüber ausgesprochen – ach, es war ihr ein solches Bedürfnis! – aber sie fürchtete dessen Lächeln. Oder dessen indirekten Vorwurf. Er hatte erst neulich einmal gesagt: ›Es ist keine Kleinigkeit, ein Kind zu erziehen. Schon ein eignes ist schwer, wie viel schwerer noch ein‹ – nein, ein ›fremdes‹ sollte er nicht wieder sagen, nein, dies nicht noch einmal! Dieses Kind war ihr kein fremdes, es war ihr eignes! Ihr geliebtes Kind!
Sie gab Wolfgang nach. Es war ja auch nicht gefährlich, wenn die Kinder hierher zu ihm kamen in den Garten, da hatte sie sie ja immer unter den Augen und Ohren. Und gut wollte sie zu ihnen sein, das nahm sie sich vor, es die Kinder nicht entgelten lassen, daß sie ihrer Freundschaft wegen schon manch heimliche Träne hatte am Abend in ihr Kissen weinen müssen. Lieb wollte sie ihrem Knaben den Garten machen, so lieb, daß er nie mehr hinaus verlangte auf die Straße!